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  • 18. Mai 2009, Neue Zürcher Zeitung

    Mikrofinanz – mehr als nur Kleinkredite

    Mikrofinanz – mehr als nur Kleinkredite

    Wirtschaft im Gespräch: Mary Ellen Iskenderian ist eine Bankerin mit sozialer Mission

    Mary Ellen Iskenderian, Präsidentin und CEO von Women's World Banking (WWB) Mary Ellen Iskenderian, Präsidentin und CEO von Women's World Banking (WWB) (Bild: Keystone)
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    A. Martel

    Wenn Mary Ellen Iskenderian über ihre Arbeit als Präsidentin und CEO von Women's World Banking (WWB) spricht, ist es schwierig herauszuhören, welches der beiden Ziele der Organisation sie stärker fasziniert: die Überwindung von Armut durch das Angebot von Kleinstkrediten oder die Förderung von Frauenanliegen. WWB, mit 41 Mitgliedern mittlerweile das grösste Netzwerk von Mikrofinanz-Instituten, wurde vor 30 Jahren mit dem Ziel gegründet, Frauen zu mehr wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu verhelfen und dadurch die weltweite Armut zu bekämpfen. Noch heute sind rund drei Viertel der über 21 Mio. Kunden weiblich, und geführt wird das Netzwerk ausschliesslich von Frauen.

    Darauf angesprochen, meint die US-Amerikanerin mit türkisch-armenischen und italienischen Wurzeln, dass es eindeutig der Mikrofinanz-Aspekt gewesen sei, der sie den Posten habe annehmen lassen – neben der Chance, eine echte Führungsrolle zu übernehmen. Sie sei Mikrofinanz zum ersten Mal in Osteuropa begegnet, während ihrer früheren Zeit bei der Weltbank. Dort habe sie gesehen, wie viel sich bewegen lasse, wenn man Leuten, die keine formelle Verbindung zum Bankensektor unterhielten, Zugang zu Finanzmitteln verschaffe.

    Seit ihrem Amtsantritt bei WWB sei ihr aber auch der Aspekt der Frauenförderung immer stärker ans Herz gewachsen, meint die ledige 49-Jährige, die sich zuvor beruflich stets in männlich dominierten Umgebungen bewegt hatte. Zum einen zeige sich, dass Geld, das von Frauen geliehen werde, einen grösseren Einfluss auf das Wohl der Familie habe, weil Frauen die Gewinne aus ihren Kleinstunternehmen eher in die Ausbildung ihrer Kinder oder in die Verbesserung ihrer Behausung investierten, während Männer mehr Geld für Konsumgüter ausgäben. Zum anderen gebe es auch unerwartete Korrelationen beispielsweise mit häuslicher Gewalt. So steige die Gewalt in Haushalten, in denen die Frau Zugang zu Mikrokrediten bekomme, zwar zunächst an; sobald sich jedoch finanzieller Erfolg einstelle, nehme sie sehr stark ab.

    Den Frauenfokus beizubehalten, ist gerade in der jetzigen Entwicklungsphase des Netzwerks wieder zu einer Herausforderung geworden, wie Iskenderian feststellen musste. Seit sie bei WWB am Ruder ist, forciert die ehemalige Bankerin, die ihre Karriere bei Lehman Brothers begonnen hat, die Professionalisierung und Kommerzialisierung ihrer Mitgliedsinstitute. Wie eine Untersuchung gezeigt hat, nimmt der Anteil weiblicher Mitarbeiter und Kunden rapide ab, wenn sich Mikrofinanz-Anbieter von Nonprofitorganisationen, Genossenschaften oder Stiftungen zu regulierten Finanzinstituten wandeln. Iskenderian ist überzeugt, dass Professionalisierung der richtige Weg ist; er lässt die Wachstumsraten nach oben schnellen und führt zu höherer Transparenz. Ergänzend brauchte es aber auch Initiativen wie das «Women in Leadership»-Programm, um die Vertretung von Frauen in der Industrie zu erhöhen.

    Von der derzeitigen Wirtschaftskrise ist der Mikrofinanz-Bereich laut Iskenderian vergleichsweise wenig betroffen. Die Rückzahlungsquote liege immer noch im Bereich von 97% bis 98%. Allerdings sei es auch für die Mikrofinanz-Institute schwieriger geworden, Kredite zu bekommen. Seit 2005 finanzieren sich mehr als die Hälfte aller weltweiten Mikrofinanz-Institute zu über 50% aus kommerziellen Quellen. Dollars und Euro seien auf den weltweiten Finanzmärkten zwar noch erhältlich, aber Lokalwährungen nur zu sehr hohen Preisen. WWB vergebe deshalb zurzeit vermehrt Kreditgarantien, damit sich die kleinen Institute wieder günstig Geld leihen und dieses weiterverleihen könnten.

    Für Iskenderian zeigt die Finanzkrise anschaulich, wie wichtig es ist, dass die Mikrofinanz-Welt das Potenzial von lokalen Spargeldern erkennt. Auch arme Leute sparen viel, in der Regel rund 40%, aber oft gehen diese Ersparnisse wieder verloren, weil ein sicherer Aufbewahrungsort fehlt. Finanzinstitute, die Spardienstleistungen anbieten, könnten somit nicht nur ihre Finanzierungsbasis verbreitern, sondern ihren Kunden gleichzeitig einen weiteren Weg erschliessen, dank eigener Anstrengung der Armut zu entfliehen. Generell sieht die dynamische New Yorkerin, die sich mit Jogging im Central Park fit hält, noch viel Potenzial in ihrer «Branche»: Mikro-Krankenversicherungen für Kundinnen von WWB-Mitgliedsinstitutionen sind nur ein Produkt, das die «Bankerin mit einer sozialen Mission», wie sie sich selbst bezeichnet, zurzeit zusammen mit der Privatindustrie am Entwickeln ist.


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