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15. August 2011, Neue Zürcher Zeitung

Von der Tribüne aufs Spielfeld

Wirtschaft im Gespräch: Mimoza Kusari Lila – Kosovos ambitiöse Industrieministerin

Mimoza Kusari Lila - Kosovos ambitiöse Industrieministerin (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Mimoza Kusari Lila - Kosovos ambitiöse Industrieministerin (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)

tf. Wien

Kosovo ist in doppeltem Sinn ein junges Land: Zum Ersten liegt die Unabhängigkeitserklärung erst drei Jahre zurück; zum Zweiten beträgt das Durchschnittsalter der Bevölkerung nur 25 Jahre, was dem tiefsten Wert Europas entspricht. In diesem jungen Land verschafft sich seit einiger Zeit eine neue Generation erstklassig ausgebildeter Ökonomen mehr politisches Gehör. Ihr akademisches Rüstzeug haben sie sich zumeist an ausländischen Universitäten geholt. Und im Unterschied zur grossen kosovo-albanischen Diaspora ziehen diese welterfahrenen Idealisten den steinigen Boden der Heimat dem weit komfortableren Polster einer internationalen Karriere vor.

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Junge Hoffnungsträgerin

Zu den Hoffnungsträgern dieser Generation zählt neben Besim Beqai, dem derzeitigen Minister für wirtschaftliche Entwicklung, auch Mimoza Kusari Lila. Die 35-Jährige bekleidet in der neuen Regierung von Ministerpräsident Hashim Thaci das Amt der stellvertretenden Regierungschefin und Ministerin für Handel und Industrie. Mit einem Betriebswirtschaftsstudium der Universität Colorado und einem MBA der Universität Pittsburg wäre die perfekt Englisch sprechende Ökonomin wohl auch in manchem globalen Konzern eine umworbene Kandidatin. Wie Kusari Lila betont, war es für sie aber von Beginn des Studiums an klar, dass sie ihr in den USA erworbenes Wissen in Kosovo würde anwenden wollen.

Das Gespräch mit der Ministerin findet in Wien statt, wo sie von Termin zu Termin eilt und für Investitionen in Europas wirtschaftlich am wenigsten entwickeltem Land wirbt. Sie tut dies hochschwanger; im August soll ihr zweiter Sohn auf die Welt kommen. Der unbändigen Energie und dem rasanten Redefluss tut dies keinen Abbruch. Eine bessere Werbeträgerin für die «Young Europeans» – so der Titel einer staatlichen Imagekampagne Kosovos – lässt sich kaum vorstellen. Mit professionellem Auftritt, marktwirtschaftlichem Credo und ansteckendem Humor widerlegt die Vielreisende zahlreiche Klischees, die in Westeuropa zu Kosovo existieren.

Dennoch, kritische Fragen drängen sich auf, wenn Kusari Lila die Rolle der modernen und weltoffenen Vorzeige-Ministerin mimt. So zählte die ehemalige Geschäftsführerin der amerikanischen Handelskammer in Kosovo noch vor kurzem zu den schärfsten Kritikern von Ministerpräsident Thaci. Sie warf seiner Regierung vor, weder über ökonomische Kompetenz noch über einen wirtschaftspolitischen Plan zu verfügen. Ist dies nun alles anders? Ist nach der Wahl vom Dezember und der Bildung des neuen Kabinetts tatsächlich, wie von Kusari Lila behauptet, die wirtschaftliche Entwicklung zur obersten Priorität aufgerückt? Immerhin stehen der Regierung noch immer Thaci und seine Demokratische Partei (PDK) vor.

Die politische Quereinsteigerin schmunzelt. Sie kennt die Einwände gegen ihren Seitenwechsel allzu gut. Und sie hat zur oft gestellten Frage eine Standardantwort parat: Es sei wie bei einem Fussballspiel. Bisher habe sie auf der Tribüne gestanden und aufs Spielfeld geschrien, wenn die Spieler das Tor verfehlt hätten. Nun habe sie die Möglichkeit, selber den Ball zu spielen; zusammen mit einem Coach und anderen Spielern liege es nun an ihr, Tore zu erzielen. Was nun zähle, seien nur die Resultate.

Nur die Resultate zählen

Das Wort «Resultate» fällt oft im Gespräch. An diesen will sich Kusari Lila messen lassen. Wenn man ihren Wechsel von der Regierungskritikerin zur Ministerin beanstande, sei das in Ordnung; wichtig sei nur, dass sie Resultate, die das Leben der Menschen verbesserten, liefern könne – etwa mehr Handel und Investitionen oder weniger bürokratische Hindernisse. Sie sehe sich ohnehin nicht als konventionelle Politikerin, die um jeden Preis an der Macht bleiben wolle. Nein, sie werde nur so lange in der Politik bleiben, als sie auch Resultate ihres Schaffens sehe. Lachend fügt sie bei, dass ihre politische Karriere sowieso von Geburt an unter einem schlechten Stern stehe: So habe sie am gleichen Tag, am 16. Oktober, Geburtstag wie der frühere albanische Diktator Enver Hoxha. «Das lässt nicht auf gute Zukunftsperspektiven hoffen.»

Diktatorische Züge sind indes noch keine auszumachen, zumal die liberale Ministerin weiss, was es heisst, Niederlagen einzustecken. So hatte sie sich 2009 – nach Jobs bei der Weltbank, der Regierung von Bajram Rexhepi, der American University und der amerikanischen Handelskammer in Kosovo – erfolglos um das Bürgermeisteramt ihrer Heimatgemeinde Gjakova beworben. Sie tat dies unter dem Banner der Allianz Neues Kosovo (AKR) – jener Partei, die 2006 vom kosovarisch-schweizerischen Bauunternehmer Behgjet Pacolli gegründet wurde und die seit den letzten Wahlen als Juniorpartner von Thacis PDK agiert. Den Vorwurf der Planlosigkeit lässt Kusari Lila gegenüber der neuen Koalitionsregierung nicht länger gelten. So wurde unlängst eine «Vision» verabschiedet, die ehrgeizige Ziele setzt: etwa ein Wirtschaftswachstum von 7% bis 8% und ein Abbau der Arbeitslosigkeit um 8% bis 10% pro Jahr. Die Umsetzung dieser Vision in Resultate steht noch an.


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