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7. November 2011, Neue Zürcher Zeitung

Fernweh erweitert Horizonte

Wirtschaft im Gespräch: Tony Tyler wagt als Iata-Generaldirektor einen neuen Schritt

Tony Tyler, Iata-Generaldirektor (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Tony Tyler, Iata-Generaldirektor (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)

nz. Genf

In der obersten Etage des Hauptgebäudes der International Air Transport Association (Iata) beginnt sich Tony Tyler, seit gut drei Monaten Generaldirektor des Branchenverbandes, soeben einzurichten. Der Blick auf die Start- und Landepiste ist so nah und unverstellt, dass man sich im Kontrollturm des Genfer Flughafens wähnt. Federnden Schritts führt Tyler den Gast ins Büro, setzt sich, ganz britisch, zum Tee zu Tische. Zwei zum Aufhängen bereitgestellte Bilder erzählen schon einiges über den neuen Bürochef. Das eine zeigt eine Durchhalteparole der Queen an in alle Winde verteilte Kompatrioten, das andere zeigt eine Kalligrafie in knallig roten Schriftzeichen, eine Eloge des Ultralinken Lin Biao an Mao. Da ist einiger schwarzer Humor im Spiel, denn der einstige Militärchef Lin verunglückte 1971 nach mysteriöser Flucht in der Mongolei bei einem Flugzeugabsturz.

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In Asien gross geworden

Ziemlich genau zu jener Zeit fiel im Leben Tylers ein Entscheid mit weitreichenden Konsequenzen. Dem Sohn eines hochrangigen britischen Militärs, der in Ägypten geboren wurde, wurde es auf der Insel zu eng. Als er 1974 in Oxford die Studien der Jurisprudenz abgeschlossen habe, seien für ihn zwei Dinge rasch klargeworden. Zum einen sah er sich nicht in der Rolle eines Juristen oder Rechtsanwalts, und zum Zweiten war die Stimmung im Lande derart schlecht, dass er es für ratsam gehalten habe, das Weite zu suchen. Tyler erinnert sich, dass die Briten sich in einem Zustand der Depression befanden, traktiert von den Gewerkschaften. So packte er die Chance beim Schopf, ein Management-Training-Program der in Hongkong beheimateten Swire Group zu absolvieren. Aus der rauchigen Stimme klingt Begeisterung heraus, wenn er über Swire und dessen Flaggschiff, Cathay Pacific, zu erzählen beginnt.

Swire sei ein Glücksfall für ihn gewesen, ein guter Job, gut bezahlt, dazu in faszinierend internationaler Umgebung. Hongkong, Australien und die Philippinen waren erste Stationen eines beruflichen Werdegangs, der Tyler in zehn Länder und zuletzt an die Spitze der Cathay Pacific führte. Bereuen tut er, in Hongkong nie wirklich Chinesisch studiert zu haben. Die Leute auf der Strasse sprachen Kantonesisch, viele verstanden Englisch, da sei die Motivation gering gewesen, das immer wichtiger werdende Putonghua (Mandarin) zu erlernen. In Kobe hingegen habe er später bei einem mehrjährigen Einsatz für Cathay Pacific, der er 32 Jahre die Treue hielt, systematisch Japanisch studiert, später in Rom auch Italienisch.

Mit entwaffnender Offenheit gibt Tyler preis, wann er sich beruflich auf dünnem Eis bewegte, sich zumindest so fühlte. Das sei seinerzeit nicht bei der Wahl zum Konzernchef von Cathay Pacific der Fall gewesen, sondern mehrere Jahre zuvor, als er nach einer langen Tournee zum Erschliessen neuer Märkte im Ausland als Personalchef der Airline in die Zentrale nach Hongkong zurückgerufen wurde.

Ein anspruchsvoller Job

Die Stelle habe Nerven gekostet, und es habe ihn jedes Mal geschmerzt, wenn ein fähiger Kollege die Firma verliess. Angesprochen auf das ungewöhnlich niedrige Rücktrittsalter von 57 Jahren, wie es bei Cathay Pacific bis zu seinem Weggang galt – neu sind es 60 Jahre –, kommt britischer Kolonialstil zur Sprache. Hongkong, bis 1997 britische Kronkolonie, stehe für Hitze, für zu hohe Feuchtigkeit, Moskitos, auch für zu viel Gin zum Lunch, jedenfalls für harte Entbehrungen, was wohl dazu geführt habe, Leute früh in Pension zu setzen.

Der 56-jährige Tyler ist viel zu dynamisch, um sich so früh auf einen Alterssitz zurückzuziehen. Hobbys wie das Gitarrenspiel, dem er in Hongkong auch zu CEO-Zeiten als Mitglied einer Rockband frönte, würden ihn vermutlich auch nicht ausfüllen. Die Aufgabe, die Iata in den nächsten Jahren als Interessenverband der internationalen Luftfahrt erfolgreich zu positionieren, will er keinesfalls unterschätzen. Als Erstes sei es wichtig, die rund 1400 Mitarbeiter beschäftigende Iata-Organisation von innen kennenzulernen, sie operativ in den Griff zu bekommen. Als Clearingzentrale unter Fluggesellschaften bewältigt die Iata jährlich ein Volumen von mehr als 300 Mrd. $ zur effizienten Verrechnung von Ansprüchen aus Tickets. Dieses Netzwerk gelte es mit der Konzentration auf wenige Hubs und dem Einsatz von noch mehr IT zu verstärken.

Leichte Nervosität ist zu spüren, wenn es um die politische, auch kommunikative Dimension der Iata geht, denn darin brillierte sein Vorgänger Giovanni Bisignani. Eine neue Person bringt eben einen neuen Stil mit sich. Was Tyler mit Bisignani auf jeden Fall verbindet, sind reiche Erfahrung, die im Airline-Geschäft in operativen Top-Positionen gesammelt wurde, sowie über Jahrzehnte eng geknüpfte Beziehungsnetze. Auch scheut sich der neue Generaldirektor nicht, wunde Punkte offen anzusprechen. Was konkret hat die an der letzten Iata-Hauptversammlung in Singapur von Repräsentanten der Qatar Airways und von Emirates geübte Kritik in ihm bewirkt? Einerseits habe das gezeigt, dass die Iata für wichtig gehalten werde, und anderseits sei es durchaus legitim, Rechenschaft über Iata-Interna zu fordern. Als früherer CEO der Cathay Pacific weiss Tyler, wovon er spricht.


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