8. August 2011, Neue Zürcher Zeitung
Sorge um Amerikas Zukunft
Wirtschaft im Gespräch: A. Auerbach über die Krise in seinem Heimatland
Mue.
US-Amerikaner gelten als unverbesserliche Optimisten. Doch die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise hat bei manchen tiefe Spuren der Verunsicherung hinterlassen. Während etwa der an der Boston University lehrende und forschende Ökonom Laurence Kotlikoff bereits von einem finanziellen Kollaps der USA ausgeht und sein Heimatland als «bankrott» bezeichnet, ist sein Kollege Alan Auerbach zwar nicht ganz so pessimistisch. Aber auch er macht sich um die Zukunft der Vereinigten Staaten Sorgen. Vor allem die in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter auseinandergehende Einkommensschere zwischen Arm und Reich betrachtet er als Bürde für die USA. Gingen 1976 beinahe 9% des erwirtschafteten Einkommens an ein Prozent der vermögendsten US-Amerikaner, belief sich dieser Wert vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise auf 23,5%. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich ist übrigens ein zentraler Erklärungsansatz im Buch «Fault Lines» des Chicago-Ökonomen Raghuram G. Rajan über die vergangene Krise in den USA.
Unzufriedenheit in den USA
Nach Auerbachs Worten ist die Unzufriedenheit in den Vereinigten Staaten derzeit fast mit Händen zu greifen. Dennoch sei der amerikanische Traum noch nicht ausgeträumt. Dafür gibt es seiner Ansicht nach zu viele gut ausgebildete Personen, aus deren Ideen erfolgreiche Produkte hervorgehen und die somit die US-Wirtschaft voranbringen. Neben diesen hochqualifizierten Abgängern der Eliteuniversitäten gebe es jedoch zunehmend Personen, die aufgrund ihrer geringen Qualifikation im Zuge der weltweiten Arbeitsteilung am US-Arbeitsmarkt kaum noch Chancen hätten.
Die mit derzeit 9,1% für US-Verhältnisse sehr hohe Arbeitslosenquote sei ein Indiz dafür – und das, obwohl der dortige Arbeitsmarkt im Vergleich mit Europa immer noch als flexibel gelte. Auerbach lässt durchblicken, dass er mit der Aussage des einstigen US-Finanzministers Larry Summers sympathisiert, wonach die Weltmacht erst die Hälfte eines verlorenen Jahrzehnts hinter sich gebracht habe. Es sei zumindest unklar, ob die kommenden Jahre besser würden. Der vor 59 Jahren in New York City geborene Auerbach, der sei 17 Jahren an der University of California in Berkeley lehrt und forscht, gibt darauf eine differenzierte Antwort. So macht er sich um die Zukunft seines Enkelkinds keine Sorgen, weil es die Ausbildung erhalten werde, die es benötige, um in den Vereinigten Staaten Fuss zu fassen. Doch es wird im Urteil Auerbachs in der Generation seines Enkelkindes viele Personen geben, die nicht von einer guten Ausbildung werden profitieren können.
Ausufernde Staatsschulden
Auerbach treiben noch viele andere Dinge um. Im Mittelpunkt seiner Forschungsarbeit stehen neben Steuersystemen auch öffentliche Finanzen. Einen Namen hat er sich etwa mit dem Modell der «Generationen-Bilanzierung» gemacht, das er zusammen mit Kotlikof und Jagedeesh Gokhale entwickelt hat. In diesen theoretisch und empirisch komplexen Modellen werden Antworten auf die Frage gesucht, welche Lasten auf die künftigen Generationen zukommen werden, wenn der Staat seinen Wählern Versprechungen macht, die Rechnung dafür aber erst viel später beglichen werden muss. Hierbei sieht Auerbach auf sein Heimatland grosse Probleme zukommen. Wenn die Konsolidierung des Staatshaushaltes nicht glaubhaft gelingen sollte, sieht Auerbach die langfristige Kreditwürdigkeit der USA in Gefahr.
Ein Dorn im Auge sind ihm die Ausgaben für Gesundheit und die Rente, die in den kommenden Jahren sprunghaft steigen werden. Selbst unter optimistischen Angaben wird die US-Regierung 2060 rund 17% des Bruttoinlandprodukts (BIP) allein für die Bereiche Medicare, Medicaid und Social Security ausgeben müssen. Das wären 6 Prozentpunkte mehr als derzeit, wobei sich die Steuereinnahmen der US-Bundesregierung im Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte relativ konstant auf 18% bis 19% des BIP belaufen haben.
Steuererhöhungen nötig
Für Auerbach liegt es deshalb auf der Hand, dass es neben Strukturreformen wie etwa einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit auch zu Steuererhöhungen kommen muss. So regt er etwa eine stärkere Beteiligung reicher Einkommensgruppen an, denn seiner Meinung nach wird es etwa ein Vorstandschef verkraften, wenn er von seinem Millionensalär künftig etwas mehr Steuern wird abzweigen müssen. Allerdings haben die hitzigen Diskussionen über eine Reform des Gesundheitswesens und der Schuldenstreit die tiefen Gräben zwischen den Parteien sichtbar werden lassen. Auch deshalb ist Auerbach für die dringend notwendigen Reformen in der amerikanischen Politik – von der er tief enttäuscht ist – nicht besonders optimistisch. Womöglich auch deshalb hat Auerbach im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen nie den Weg eines politischen Beraters eingeschlagen. Bis auf eine Ausnahme: Er hat einst für den Kongress gearbeitet. Doch die Politik ist nicht seine Welt. Er müsse da zu viele Kompromisse eingehen. Als Ökonom sei er stets an First-Best-Lösungen interessiert. Second-Best-Ergebnisse sind dagegen nicht seine Welt.
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