19. September 2011, Neue Zürcher Zeitung
Ohne Anwalt kein Glücksspiel
Wirtschaft im Gespräch: Quereinsteiger Franz Wohlfahrt leitet Novomatic-Konzern
M. K. Wien
Für den Grünen Veltliner berühmt, beherbergt das idyllische Gumpoldskirchen am Osthang des Wienerwaldes einen der grössten integrierten Glücksspiel-Konzerne der Welt. Die Novomatic-Gruppe setzt mit 17 000 Mitarbeitern 2,8 Mrd. € (unkonsolidiert) um, betreibt in 31 Ländern 1100 (vorrangig Automaten-)Kasinos. In das glasverspiegelte Hauptquartier des Technologieführers bei Spielautomaten ist die F&E-Zentrale integriert. Novomatic hält wenig von Outsourcing, gut 90% der Wertschöpfung bleiben im Haus. Den Chefsessel aber besetzt seit 2004 ein langjähriger Dienstleister.
Profiteur der Kleinstaaterei
Franz Wohlfahrt, Wirtschaftsanwalt mit eigener Kanzlei, betreute Novomatic zwölf Jahre, ehe ihm nach dem Abgang des nunmehrigen EU-Kommissars für Regionalpolitik Johannes Hahn der Eigentümer Johann Graf den Vorstandsvorsitz anbot. Er habe die Entscheidung keine Sekunde bereut. Ein Anwalt als Glücksspiel-Chef? Wohlfahrt, dem das Kärntner Idiom kaum noch anzuhören ist, sieht keinen Widerspruch, eher eine «optimale Verbindung». Es gebe wenige Wirtschaftsbereiche, die so am rechtlichen Rahmen hingen wie das Glücksspiel. Seit seinem 16. Lebensjahr habe er Anwalt werden wollen. Seine 1987 eröffnete Kanzlei habe sich auf Wirtschaftsrecht spezialisiert, der Kunde Novomatic machte ihn zum Pionier im europäischen Glücksspiel-Recht.
Glücksspiel sei einer der wenigen Bereiche, in denen es kein Gemeinschaftsrecht gebe, weil die Nationalstaaten weiterhin ihr eigenes Süppchen kochen wollten, so Wohlfahrt. Das gelte vor allem für ortsfeste Spiele, also Spielbanken, Automaten, Lotterien, Sportwetten und Video-Terminals; daran dürfte sich in den nächsten 20 Jahren kaum etwas ändern. Von der Kleinstaaterei samt juristischen Spezifikationen profitiere Novomatic, das als innovativer Konzern dank Präsenz und Know-how schneller auf Änderungen reagieren könne. Bei Online-Spielen wären laut Wohlfahrt jedoch europaweite Regelungen überfällig. Vorrangig müssten jene Voraussetzungen definiert werden, die künftige Konzessionäre bezüglich Bonität, Vertrauenswürdigkeit, Jugend- und Spielerschutz zu erfüllen haben. Im Grünbuch der EU vom Frühjahr stimme zwar die Richtung, bis zu einer Richtlinie werde es fünf Jahre dauern.
Nicht nur Novomatic hatte jahrelang den mit abstrusen Argumenten verteidigten Schutz des Monopols bekämpft. Heute lobt Wohlfahrt die – von der EU erzwungene – Novellierung des Glücksspielgesetzes als «international sehenswert». Das Automatenspiel sei hierzulande nun so streng reguliert wie sonst nirgends, für Spielbanken und Lotterien gebe es erstmals klare Regeln für den Erhalt einer Lizenz. Doch der Praxistest kommt erst. Derzeit hält Casinos Austria alle (12) Spielbank-Lizenzen, bei der Neuvergabe von 16 Lizenzen (inkl. einer für ein Poker-Kasino) erwartet sich Wohlfahrt «die eine oder andere Lizenz». Dann müsste Novomatic Kunden nicht mehr in ihre Kasinos in Berlin, Tschechien bzw. in Mendrisio, Bad Ragaz oder Locarno schicken, «um unsere Kompetenz zu zeigen». Das so harsch verteidigte Monopol sei aber auch ein Grund dafür, dass Österreichs Unternehmen im Glücksspiel führend seien (wie auch Bwin als Europas führender Online-Sportwetten-Anbieter). Das faktische Monopol bei Spielbanken und das gesetzliche bei Lotterien hätten Novomatic und Co. gezwungen, ihr Know-how im Ausland erfolgreich umzusetzen.
Berührungspunkte
Zur Affäre um von russischen Banden in Schweizer Kasinos geplünderte Novomatic-Automaten meint Wohlfahrt, dass ein innovatives Unternehmen, siehe Microsoft, mit Angriffen auf seine Technologie rechnen müsse. Berührung mit dem kriminellem Milieu vermeide er dadurch, dass nur in regulierte Märkte investiert bzw. an Abnehmer mit gültigen Lizenzen verkauft werde. So zuletzt mit den Kasinos in Peru und Chile; gefährlichere Märkte wie Mexiko und Brasilien seien tabu. Grosses Anliegen ist Wohlfahrt die Suchtbekämpfung; sein Haus habe als erstes ein elektronisches Zutrittssystem für effektiven Jugend- und Spielerschutz entwickelt.
Die Zukunft des Glücksspiels sieht der 52-Jährige in der Verlagerung von Spiel- und Automatenkasinos zu Internet bzw. Automatenspielen auf Handy und iPad. Ziel von Novomatic sei ein Content für alle Distributionskanäle, um dann einmal entwickelte Blockbuster «durch alle Kanäle zu treiben». Das bestehende Ertragsgleichgewicht (Ebit) zwischen Automatenproduktion und Spielstättenbetrieb werde sich auf 1:2 zulasten der Produktion verschieben. Grosse Chancen sieht der CEO in der Vermietung von Automaten und Video-Lotterie-Terminals bzw. in der Lizenzierung von Spiele-Content.
Ob der Manager-Quereinsteiger da noch genügend Zeit finden wird, als Tennis-Quereinsteiger («mit 32 Jahren») aus seiner Zeit als Fussballer stammende störende Bewegungsabläufe spielerisch auszumerzen, ist fraglich. Auch wenn es ihm als Vizepräsident des Tennisverbandes nicht an Ratgebern fehlen sollte. Der kinderlose, in Partnerschaft lebende Wohlfahrt hat zudem noch ein teureres Hobby: Er sammelt Art brut – vorrangig die Künstlergruppe Gugging, deren Museum Novomatic finanziert.
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