5. September 2011, Neue Zürcher Zeitung
New York–Bürgenstock einfach
Wirtschaft im Gespräch: Die Reise Paul Meiers und seine Liebe zu Derivaten
Wenn am kommenden Mittwoch das 32. Internationale Bürgenstock-Meeting beginnt, wird Paul Meier zum elften und letzten Mal als Chairman der Swiss Futures and Options Association (SFOA) alles, was in der Derivate-Welt Rang und Namen hat, in der Schweiz begrüssen. Meier spricht heute noch genauso begeistert von diesem «einzigartigen Networking-Anlass» wie vor zehn Jahren, als er den Vorsitz des Verbandes übernahm. Der einzige Unterschied zu damals ist vielleicht, dass der ehemalige UBS-Mann heute nicht mehr in seinem Büro in Opfikon anzutreffen ist, sondern eher auf der Terrasse seines Hauses mit Blick über das Limmattal.
Fragt man Meier, wie es ihm gehe, so kommt die prompte Antwort: «Super!» Der gesunde Teint verrät, dass sich die Prioritäten des 64-Jährigen seit seiner Pensionierung bei der UBS auf den Golfplatz verlagert haben. Den Ruhestand vollends geniessen wird er aber erst ab Jahresende, wenn er auch seine ehrenamtliche Funktion bei der SFOA abgeben wird. In die Vorfreude mischt sich ein Hauch von Wehmut.
Das ist kaum verwunderlich, denn Derivate haben seit den siebziger Jahren sein Leben bestimmt. Meier begann seine Derivate-Laufbahn beim Winterthurer Handelshaus Gebr. Volkart AG, das Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet worden war und sich auf den Handel mit Kaffee und Baumwolle spezialisiert hatte. Meier zog in jungen Jahren, 1969, nach New York – eigentlich, um Werkzeugmaschinen zu importieren. Stattdessen stieg er 1974 in den Handel mit Kaffee ein und baute ab 1975 für die Gebr. Volkart den Kaffee-Terminhandel auf. Auslöser für die Gründung des neuen Geschäftszweigs des Handelshauses war ein Frost in Brasilien, der die Kaffeepreise in die Höhe hatte schiessen lassen und hohe Kommissionen bescherte.
Vorwissen brachte Meier keines mit. Also kaufte er sich ein Buch über Futures und informierte sich bei den Regulatoren. Er studierte den Handel an der New Yorker Coffee & Sugar Exchange und begann als «Einzelgesellschaft» seine Karriere als Rohwaren-Terminhändler. Bereits nach einem Jahr florierte das Geschäft, so dass er weitere Händler einstellen und die Aktivitäten ausbauen konnte.
17 Jahre blieb Meier in New York, wo er auch seine Frau, eine Schweizerin, kennenlernte. Manchmal müsse man eben ins Ausland gehen, um die beste Schweizerin zu finden, sagt er. 1986 kehrte Meier trotz aller Liebe zu New York mit seiner Frau in die Schweiz zurück, wo seine beiden Kinder geboren wurden. Mit dem Umzug begann auch beruflich ein neues Kapitel bei der Schweizerischen Bankgesellschaft, wo er beim Aufbau des Derivatehandels mitwirkte, den er später leitete.
Das Anglophile und die Liebe zum Derivatehandel scheinen auch heute noch durch. Nahtlos fliesst der Satz «Commodities have always been near my heart!» in das Mundart-Gespräch ein. Das Interessanteste während seiner Amtszeit bei der SFOA sieht Meier im rasanten Wandel, den die Derivatebranche durchlaufen hat. Eine Passion hat er auch für die «Red Arrows», die Kunstflugstaffel der Royal Air Force, die 2005 am Bürgenstock-Treffen ihr Können demonstrierte.
Auch wenn der «Bürgenstock» wegen des Umbaus des Hotels auf dem namenspendenden Berg heuer wieder in Interlaken stattfindet, hat sich der jährliche Anlass zu einem Muss im Branchenkalender gemausert. Vertreter von Regulatoren, Börsen, Emittenten, Händlern und Dienstleistern nutzen das dreitägige Forum zum Meinungsaustausch. Meier schreibt den Diskussionen, die Lösungen anstossen, Synergien offenlegen und eine bessere Regulierung ermöglichen, eine wichtige Rolle zu. Dazu geht es ihm ums Lernen und um das Erweitern von Horizonten.
Die Teilnahme am «Bürgenstock» ähnelt einem Blick in die Glaskugel. Bereits 1988 wurde die Bedeutung von Clearinghäusern diskutiert, 1994 wurde die Frage nach Systemrisiken aufgeworfen. Die Schreibende hätte noch von weiteren weitsichtigen Themen erfahren, hätte nicht die Meiersche Katze beschlossen, das Buch mit dem «Bürgenstock»-Rückblick für sich zu beanspruchen. Die «Bürgenstock»-Themen dieses Jahres sprechen von einer Zäsur in der Branche: der Zukunft des Schweizer Finanzplatzes, Europas, des Hochfrequenzhandels und des Clearings. Hoffentlich werden die «Bürgenstock»-Diskussionen ähnlich wegweisend sein wie jene vergangener Jahre. Das wünscht sich Meier zum Abschied.
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