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22. August 2011, Neue Zürcher Zeitung

Im Königreich der Sonne

Wirtschaft im Gespräch: Ulrich Dill soll Solar-Unternehmen nach Saudiarabien locken

Ulrich Dill soll Solar-Unternehmen nach Saudiarabien locken (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)Zoom

Ulrich Dill soll Solar-Unternehmen nach Saudiarabien locken (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)

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Es waren einmal ein Amerikaner, ein Franzose und ein Deutscher, die zogen in die Wüste, um die Zukunft zu finden. Sie suchen noch, und nicht nur ihre Zukunft haben sie im Sinn, sondern jene der Wüste: 2007 richtete Saudiarabien ein «National Industrial Clusters Development Program» ein, das die Entwicklung von fünf Industriezweigen im Königreich vorantreiben soll. Für vier der fünf Sparten engagierten die Saudi drei erfahrene ausländische Manager. Der Amerikaner ist zuständig für Metallverarbeitung, der Franzose für die Automobilindustrie. Der Deutsche soll die Produktion von Haushaltsgeräten und von Solarenergie in der Erdölnation anschieben. Das ist Ulrich Dill, 51 Jahre alt, geboren in Kitzingen.

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Reise in den weissen Fleck

Nicht dass Dill jahrelang davon geträumt hätte, nach Riad zu ziehen. Mit dem Nahen Osten habe er sich vorher nie beschäftigt, meint er im Gespräch. Bevor er von den Saudi angeworben wurde, war Dill in führender Funktion bei BSH Bosch und Siemens Hausgeräte tätig, dem grössten Hausgerätehersteller in Europa. Er leitete unter anderem das weltweite Produktmarketing für die Wäschepflege und anschliessend das Marketing und die Entwicklung von Waschgeräten in Nordamerika. Aber die interessante Aufgabe, etwas zu gestalten und aufzubauen, habe ihn bewogen, den Sprung in die arabische Welt zu wagen, sagt der verheiratete Vater zweier Söhne.

Die saudische Wirtschaft ist stark vom Erdölsektor abhängig; zwischen 50% und 60% des Bruttoinlandprodukts sowie 85% der Exporte und der Staatseinnahmen gehen auf das «schwarze Gold» zurück. Solange das Erdöl sprudelt, möchten die Scheichs einerseits die petrochemische Wertschöpfung im eigenen Land steigern. Diesem Ziel dient das fünfte, von einem Saudi geführte Cluster: die Förderung der Produktion von Kunststoffen und Verpackungen, die Erdöl als Basisprodukt verwenden. Andererseits sollen die niedrigen Energiekosten den Ausbau einer diversifizierten Industrie fördern. Dafür wurden Dill und seine ausländischen Kollegen geholt.

Für die Hausgeräte-Branche ist der Nahe Osten eigentlich ein weisser Fleck und höchstens als Exportziel interessant, nicht für die Herstellung. Das soll sich unter Dill ändern, denn der Markt, der sich in der Greater Arab Free Trade Area (Gafta) von Saudiarabien aus zollfrei bedienen lässt, umfasst rund 300 Mio. Menschen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Geräte grösstenteils in Saudiarabien hergestellt werden. Auch für die Produktion und den Betrieb von Solarzellen gibt es genug Ressourcen in der Wüste – besonders natürlich Sonnenschein. Sollte sich das Königreich als Solarstromerzeuger etablieren, könnte es seinen Strommix auf eine breitere Basis stellen und müsste weniger wertvolles Erdöl zur Deckung des stetig wachsenden Eigenbedarfs verfeuern.

Ziel des Programms ist es, in jedem Cluster mindestens ein international renommiertes Unternehmen zur Errichtung einer Produktion zu bewegen. So solle Schwung für die Entwicklung des Industriezweiges erzeugt und ein Signal an andere Firmen ausgesandt werden, sagt Dill. Ferner sollen inländische Unternehmen angeregt werden, sich dem globalen Wettbewerb zu stellen und sich als Zulieferer anzubieten, so etwa für Bleche und Kunststoffbauteile in der Hausgeräte- bzw. Fahrzeugindustrie. Damit Arbeitsplätze zu schaffen, ist ein weiteres, angesichts der jungen und rasch wachsenden Bevölkerung wichtiges Vorhaben des Programms.

Rund 40 Mitarbeiter arbeiten daran, das Clusters-Projekt zum Erfolg zu führen. Von den dafür vorgesehenen fünf Jahren sind noch anderthalb übrig. Nach Auskunft von Ulrich Dill sind schon einige Erfolge zu vermelden. So beabsichtige zum Beispiel ein Fahrzeughersteller, sich mit einer Montagefabrik im Königreich niederzulassen. Im Bereich Sonnenenergie habe man mehrere Firmen gewinnen können, ihre Solarmodule auf einem Testfeld der King Abdullah University zu installieren. Bei der Herstellung von Polysilizium, einem Rohstoff für Solarzellen, stünden einige Projekte kurz vor der Ausführung.

Seit April 2008 lebt Ulrich Dill in Riad. Wie es typisch ist in dem islamisch-konservativen Königreich, sind er und seine Familie in einer für «Expats» gebauten, semiautarken Anlage untergebracht, umfriedet mit Mauern und von einem Sicherheitsdienst bewacht. Drinnen gibt es Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und einen Swimmingpool. Auch ausserhalb ist Dill mit der Versorgung zufrieden. Riad brauche sich nicht hinter Dubai zu verstecken; es gebe alles, was das Herz begehre, von Harley Davidson bis Pizza Hut. Doch trotz aller Verwestlichung schätzt Dill die Nähe zur deutschen Botschaft. Sie bemühe sich sehr, mit Veranstaltungen etwas Heimatgefühl nach Riad zu bringen. Das werde von den Expats sehr begrüsst und gern angenommen.

Eine Frage der Öffnung

Dill ist überzeugt, dass es an jedem Zuwanderer selber liegt, sich mit der Kultur Saudiarabiens auseinanderzusetzen. Sonst könne das Leben recht schnell eintönig werden. Wer sich jedoch öffne, gewinne einen ganz neuen Blickwinkel auf die Welt. Auch deshalb möchte er nach dem Ende des Cluster-Programms in der Region bleiben, diesmal im Dienste eines Unternehmens.


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