27. Juni 2011, Neue Zürcher Zeitung
«Die Uni war Zeitvergeudung»
Wirtschaft im Gespräch: Ahmet M. Ören führt das türkische Medienkonglomerat Ihlas
tf. Wien
Der türkische Medienmarkt hat eigenartige Strukturen. So dominieren seit Jahrzehnten unübersichtliche Konglomerate, unter deren Dach nicht nur Zeitungen, Magazine, Fernsehkanäle oder Radiosender angeboten werden. Die zum Teil hochkomplex verschachtelten Gemischtwarenläden betätigen sich auch in der Bauwirtschaft, der industriellen Fertigung, oder sie besitzen gar eigene Banken und Versicherungen. Eines dieser Medienkonglomerate ist die Ihlas Holding, die 2010 mit knapp 2800 Mitarbeitern einen Umsatz von 450 Mio. $ erwirtschaftete. Das an Istanbuls Börse kotierte Unternehmen wird in zweiter Generation von Ahmet Ören geführt, dem einzigen Nachkommen von Firmengründer Enver Ören.
Der 1972 in Istanbul geborene Firmenchef weiss um die Schwächen der breit diversifizierten Konstrukte. So sehen sich türkische Zeitungen und Fernsehanstalten stets mit dem Verdacht konfrontiert, mit ihren Berichten oder Sendungen nicht nur an der Wahrheitsfindung interessiert zu sein, sondern auch kommerzielle Nebengeschäfte des Konglomerats publizistisch zu flankieren. Mit diesem Vorwurf müsse in der Türkei fast jede Zeitung leben, erklärt Ören am Rande der unlängst in Wien durchgeführten Regionalkonferenz des World Economic Forum (WEF). So gebe es in der Türkei nur wenige Medienhäuser, die sich ausschliesslich auf das Mediengeschäft konzentrierten.
Vor allem in den 1990er Jahren kauften die Medienkonzerne zahllose neue Geschäfte zusammen. Die schwere Finanzkrise des Jahres 2001 bereitete dem ungestümen Expansionsdrang aber ein jähes Ende. Das galt auch für die Ihlas-Gruppe, deren Bankentochter damals kollabierte. Seither ist eine eigentliche Gegenbewegung feststellbar, Medienhäuser stossen also verstärkt wieder Firmenteile ab – eine Fokussierung, der sich auch Ören verpflichtet fühlt. Dennoch kontrolliert er weiterhin nicht nur die Tageszeitung «Türkiye Gazetesi», den Fernsehsender TGRT oder die in Nahost marktführende Nachrichtenagentur IHA. In seiner Gruppe werden auch Wohnungen gebaut, Grundstücke entwickelt, ausländische Marken vertrieben, Haushaltgeräte produziert, Eisenerze abgebaut, Krankenhäuser betrieben oder gar Schulen geführt.
Ören übernahm bereits mit 21 Jahren die operative Verantwortung dieses für Aussenstehende schwer durchschaubaren Konzerns. Ein Studium in Betriebswirtschaftslehre hatte er zuvor abgebrochen. Er habe die Zeit an der Uni als Zeitvergeudung empfunden; die Arbeit im Unternehmen, in das er hineingeboren und mit dem er aufgewachsen sei, habe ihm weit mehr Wissen vermitteln können. Schon im Kindesalter sei er nach der Schule stets in die Zeitungsredaktion gerannt und habe den Journalisten bei ihrer Arbeit über die Schulter geschaut. Es sei aufregend gewesen, der Entstehung einer Zeitung beiwohnen zu können. Sein eigentliches Gesellenstück lieferte er 1993 jedoch nicht im Printbereich, sondern mit dem von ihm verantworteten Aufbau einer eigenen Fernsehgesellschaft.
Generationenwechsel in Familienbetrieben sind oft voller Konfliktstoff, erst recht, wenn – wie im Falle von Ihlas – der Vater weiterhin als Verwaltungsratspräsident über das Unternehmen wacht. Sind da Reibereien und Abgrenzungsprobleme nicht programmiert? Ören winkt ab. Sein Vater sei zwar sein bester und engster Berater, dennoch habe er völlige Freiheit, wenn er neue Projekte anreisse. Man dürfe sich indes nichts vormachen: Kein Firmengründer werde je sagen: «Ich habe genug, ich mische mich nicht länger ein, wer meinen Job will, soll übernehmen.» Das sei unmöglich. Immerhin habe sein Vater die Firma 1970 von Grund auf geschaffen, er spiegle quasi den Leib und die Seele des Unternehmens – eine Zuwendung, die wohl zeitlebens anhalten werde und von der auch die nachkommende Generation profitieren könne.
Ab und zu tut etwas Distanz zum Patron dennoch gut. Der junge CEO fand sie in den USA, wo er seine erste Ehefrau kennenlernte und etwa sechs Jahre verbrachte. Zeugnis dieser Zeit ist nicht nur ein akzentfreies Englisch, sondern auch ein amerikanischer Pass und das Amt eines lettischen Honorarkonsuls in New York. Mit seiner zweiten Frau lebt er nun wieder in Istanbul und hat eine sechs Monate junge Tochter. Den Ausgleich zur Arbeit findet er dabei nicht zuletzt vor dem Computer. Seit je fasziniert von der Computertechnologie, vergesse er beim Schreiben von Codes und Programmen alles um ihn herum – ja dem Dialog zwischen ihm und der Maschine komme geradezu therapeutische Wirkung zu.
Selbstverständlich darf beim Gespräch mit einem türkischen Medienunternehmer das Thema Medienfreiheit nicht unerwähnt bleiben. Immerhin sitzen derzeit in der Türkei gegen 60 Journalisten im Gefängnis, in Rankings zur Pressefreiheit rangiert das Land auf den hintersten Plätzen, und dem regierungskritischen Medienkonzern Dogan droht wegen einer milliardenschweren Steuerbusse der Ruin. Wer von Ören nun ein Plädoyer für seine Kollegen erwartet, sieht sich aber getäuscht. Wenn Dogan eine hohe Strafe erhalte, habe der Konzern wohl etwas Unrechtes getan – dasselbe gelte für die inhaftierten Journalisten. «Die Presse in der Türkei ist sehr, sehr frei», meint er. Regierungskritische Worte sind dem Unternehmer Ören, dessen Medien der islamisch-konservativen AKP von Ministerpräsident Erdogan nahestehen, nicht einmal ansatzweise zu entlocken.
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