4. Juli 2011, Neue Zürcher Zeitung
Der Mann, der Versicherern gerne in die Augen schaut
Wirtschaft im Gespräch: Gabriel Bernardino leitet die europäische Versicherungsaufsicht

Gabriel Bernardino leitet die europäische Versicherungsaufsicht (Bild: ILLUSTRATION CHRISTOPH FISCHER)
cae. Frankfurt
In der Branche ist es kein Geheimnis, dass Gabriel Bernardino, wenn es drauf ankommt, jedes Versicherungsmodell durchschauen und jeden noch so klug gewählten Parameter daraus hinterfragen kann. Denn der erste Chef der in diesem Jahr neugegründeten Europäischen Aufsicht für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersvorsorge (Eiopa) ist nicht nur Mathematiker, sondern hat seinen Master-Titel genau in jenen Feldern der Statistik gemacht, die für die Finanzwissenschaft und die Versicherungsmathematik von Bedeutung sind. So ist es wahrscheinlich sein grösster Trumpf, dass er die ausgeklügelten Simulations- und Risikomodelle der Branche leidenschaftlich gerne versteht. Obwohl er für diese «Feldarbeit», wie er sie nennt, in seiner neuen Funktion nicht mehr viel Zeit hat. Derzeit sei er primär Manager, berichtet der 46-Jährige in seinem neu bezogenen Büro hoch oben im Frankfurter West-Tower, von wo er die gesamte Stadt überblickt. Er sei vor allem damit beschäftigt, die neue Behörde aufzubauen, Mitarbeiter zu rekrutieren und die Vision eines gemeinsamen europäischen Verständnisses von Aufsicht für die Versicherungs- und Pensionskassenbranche voranzutreiben.
Der Uni sehr verbunden
Heute seien die nationalen Handhabungen noch sehr verschieden, berichtet er. In einigen Mitgliedsländern werde Aufsicht vor allem als Überwachung und Auswertung der von den Unternehmen gelieferten Daten verstanden; in anderen hingegen lege man grössten Wert auf Kontrollvisiten bei den einzelnen Instituten. Seiner Meinung nach braucht es beides. Die Auswertung der von den Unternehmen erhobenen Daten sei wertvoll, aber am wichtigsten sei es, das Geschäftsmodell eines Versicherers zu verstehen. Das lasse er sich am liebsten von den Managern erklären, die täglich damit zu tun haben. Zudem wolle er den Zuständigen in die Augen schauen, wenn sie ihm erklärten, weshalb sie gewisse Annahmen getroffen oder ihre Modelle auf jene und nicht die andere Art kalibriert hätten.
Bernardino hat seine ganze Karriere in der Versicherungsaufsicht gemacht. Zuerst bei der portugiesischen Behörde, in verschiedenen Bereichen und mit ständig wachsender Verantwortung, dann auf europäischer Ebene in unterschiedlichen Funktionen, zuletzt bei der Vorgängerinstitution von Eiopa, der Ceiops. Ursprünglich sei er zur Versicherungsaufsicht Portugals gelangt, weil seine Universität mit der Behörde ein Abkommen hatte, jeweils die besten Studenten für ein Trainee-Programm zur Aufsicht zu schicken. Danach sei er geblieben, obwohl er die ganze Zeit auch noch an der Uni unterrichtet und mit einer akademischen Karriere geliebäugelt habe.
Der Austausch mit den Studenten habe ihm viel bedeutet. Diese Erfahrung komme ihm heute zugute, denn jetzt sei er es, der neue, teilweise junge Mitarbeiter gewinnen und motivieren müsse. Dies sei seine Stärke, und er sei stolz, dass es ihm gelungen sei, sehr viele topausgebildete Leute für Eiopa zu rekrutieren, obwohl die Behörde niemals die Löhne bezahlen könne, die teilweise in der Privatwirtschaft bezahlt würden. Dies sei seiner Erfahrung nach auch gar nicht nötig. Eiopa sei gerade für Junge eine attraktive Adresse, denn sie biete ein internationales Tätigkeitsfeld und ein ebensolches Team und sei ein sehr gutes Karrieresprungbrett. Dass Bernardino ein guter Motivator ist, glaubt man ihm gerne. Im Gespräch ist so rein gar nichts vom Klischee eines trockenen, weltfremden Mathematikers zu spüren.
Heimweh-Portugiese
Ihn selber hätten immer wieder lukrative Angebote aus der Privatwirtschaft gelockt, berichtet er offenherzig. Doch immer zum richtigen Zeitpunkt habe man ihm bei der Behörde neue, noch interessantere Projekte anvertraut, die ihn aufs Neue faszinierten. Wo er sich in zehn Jahren sieht, kann er noch nicht sagen. Aber eines sei schon jetzt klar: Ein so internationales Klima wie bei der europäischen Aufsicht möchte er nie mehr missen. Und irgendwann würde er gerne wieder in Portugal leben, die Lebensqualität dort sei einfach unvergleichbar. Obwohl das Land derzeit durch eine schwere Krise gehe. Aber die Portugiesen hielten gerade in schwierigen Zeiten zusammen und bissen sich durch, in diesem Punkt seien sie wohl den Iren ähnlich.
Bevor es zurück nach Portugal geht, folgt ihm in wenigen Wochen erst einmal die Familie nach Frankfurt nach. Die beiden Kinder im Teenageralter werden die Europäische Schule besuchen, bereits habe er viele Ideen für Familienausflüge. Die Familie habe ihm in den paar Monaten der Trennung sehr gefehlt, sagt Bernardino, wenigstens habe es «Skype-Essen» gegeben: Die Familie in Portugal am Essen vor dem PC, er in Frankfurt vor seinem Teller und dem Laptop und alle via Skype live miteinander verbunden. Nur schade, dass im neuen Frankfurter Heim im gediegenen Westend kein Platz für seinen Billardtisch sei, schmunzelt Bernardino.
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