16. Oktober 2010, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Wut ist ein schlechter Ratgeber
Aus der HRM-Forschung

Aristoteles: «Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Mass, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer. (Bild: Istock)
Eva-Maria Aulich, Lehrstuhl HR-Management, Universität Zürich
Stellen Sie sich vor, Sie haben einen wichtigen Termin mit Ihrem Chef – und ausgerechnet heute haben Sie verschlafen. Sie wollen schnellstens ins Büro, aber Ihr Auto springt nicht an. Gestresst und viel zu spät erreichen Sie Ihren Arbeitsplatz. Wer hätte kein Verständnis, wenn Sie unter diesen Umständen ein Gefühl von Wut verspüren würden? Gründe, sich zu ärgern, gibt es im Privatleben als auch am Arbeitsplatz zur Genüge. Problematisch ist, dass Gefühle – und Wut im Besonderen – unsere Entscheidungen negativ beeinflussen können.
Warum gerade Wut eine beachtenswerte Emotion ist, zeigt ein Zitat von Aristoteles: «Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Mass, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.» Wissenschaftliche Studien belegen, dass wütende Menschen willkürlich andere bestrafen und ungerechtfertigt für Fehler verantwortlich machen, sie neigen auch zu Aktionismus, argumentieren weniger logisch und handeln leichtsinnig. Einmal aktiviert, kann Wut die Wahrnehmung (dauerhaft) verzerren und Entscheidungsprozesse beeinflussen – unabhängig davon, ob die Entscheidung in einem Zusammenhang mit der Ursache der Wut steht, und ohne dass es dem wütenden Menschen bewusst wäre. Allein das Wissen um die potenziellen Gefahren von Wut ist für Unternehmen zwar interessant, aber wenig hilfreich. Die interessante Frage lautet: Wie können Firmen eingreifen, um die negativen Konsequenzen von Wut zu verhindern? Jennifer S. Lerner, Julie H. Goldberg und Philip E. Tetlock, Forscher der Harvard Kennedy School, der Universität von Illinois und der UC Berkeley, gingen der Frage nach, ob die Verpflichtung, über eigene Entscheide Rechenschaft ablegen zu müssen, mögliche negative Konsequenzen von Wut verhindern kann.
Im Rahmen einer experimentellen Studie zeigten sie einem Teil der Teilnehmer einen Film, in dem zu sehen war, wie ein Junge von anderen drangsaliert wurde. Die restlichen Teilnehmer sahen einen neutralen, keine Wut erzeugenden Film. Anschliessend sollten alle Teilnehmer über Angeklagte in einer Reihe von fiktiven zivilrechtlichen Delikten richten. Erwartungsgemäss neigten die Teilnehmer der ersten Gruppe deutlich häufiger zu strafenden Reaktionen. Eine dritte Gruppe sah ebenfalls das wuterzeugende Video, wurde jedoch anders als die erste Gruppe darüber informiert, dass sie später Rechenschaft ablegen und ihre Entscheidungen einem unabhängigen Experten gegenüber erklären müssten. In ihrer Wut unterschieden sich diese Teilnehmer keineswegs von denen der ersten Gruppe – hinsichtlich ihren Entscheidungen jedoch deutlich. Die Forscher konnten damit zeigen, dass der Zwang, Rechenschaft gegenüber einem unabhängigen Experten ablegen zu müssen, zwar nicht die Gefühle beeinflusst, aber die Art und Weise verändert, wie Gefühle auf das Entscheidungsverhalten wirken.
Für die Unternehmenspraxis bedeutet dies, dass das ausschliessliche Rechtfertigen der Ergebnisse von Entscheidungen nicht ausreicht. Vielmehr ist es notwendig, auch die Entscheidungen selbst zu begründen.
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