11. Juni 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Wenn Chefs weniger verdienen als Arbeiter
Arbeiten in Buenos Aires
Werner J. Marti, Korrespondent der NZZ in Argentinien
Argentinien hat seit mehreren Jahren mit einer starken Geldentwertung zu kämpfen. Rund 25 Prozent betrug diese 2010 laut privaten Wirtschaftsberatern. Der offizielle Wert, der sich auf wundersame Weise immer unterhalb der Grenze von 10 Prozent bewegt, wird allgemein als massiv manipuliert angesehen. Für das weltweite Krisenjahr 2009 sprechen private Wirtschaftsbeobachter von einer Inflationsrate von 15 Prozent und für das Jahr zuvor von 20 Prozent.
Kein Wunder, dass dies vonseiten der Gewerkschaften auch zu Forderungen nach massiven Lohnerhöhungen Anlass gibt, um die Kaufkraft der Arbeitnehmer zu bewahren. Angesichts eines Wirtschaftswachstums im letzten Jahr von offiziell 9,7 Prozent fällt es den Unternehmern schwer, etwas dagegen anzuführen, auch wenn dies nur Symptombekämpfung ist und die Inflationsspirale weiter antreibt.
Dazu kommt, dass Argentiniens peronistische Gewerkschaften einen wichtigen Pfeiler der Regierungsmacht von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner bilden. Besonders in einem Wahljahr wie diesem können die Gewerkschafter darauf zählen, dass die Regierung ihren Aspirationen wohlgesinnt ist. Von den bisherigen kollektiven Vertragsabschlüssen in diesem Jahr sehen denn auch die meisten Lohnerhöhungen vor, die sogar noch über der inoffiziellen Inflationsrate liegen.
Die Macht der Gewerkschaften hat auch zur Folge, dass die mittleren und höheren Kader, die in der Regel nicht in die kollektiven Lohnverhandlungen eingebunden sind, tendenziell schlechter wegkommen. Dadurch ist in den letzten Jahren in vielen Betrieben die Differenz zwischen den Löhnen der Kader und der gewöhnlichen Arbeiter zusammengeschmolzen oder gar negativ geworden. So kommt es heute vor, dass ein qualifizierter Arbeiter ein höheres Gehalt bezieht als sein Chef, besonders wenn der Erstere sein Einkommen mit zusätzlich bezahlten Überstunden aufbessern kann.
Die Consultingfirma Mercer hat Ende letzten Jahres 152 Unternehmen in Argentinien auf dieses Phänomen hin untersucht und festgestellt, dass es in acht von zehn Firmen vorkommt. Es ist keineswegs selten, dass Löhne in den Fertigungshallen höher sind als bei Bürojobs, die eine wesentlich längere Ausbildung verlangen. Dies ist das Resultat der Veränderung der Lohnstrukturen über eine längere Zeit hinweg. In einer speziell untersuchten Firma, einem Zulieferer der pharmazeutischen Industrie mit 440 Mitarbeitern, sind die Löhne der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter beispielsweise seit 2006 um 190 Prozent gestiegen, während es bei den übrigen Beschäftigten nur 120 Prozent waren.
Dies hat gravierende Konsequenzen für das Betriebsklima. Arbeitsplatzspezialisten machen darauf aufmerksam, dass damit nicht nur die Motivation der Kader aufs Spiel gesetzt wird. Es wird auch die Autorität der Vorgesetzten gegenüber ihren besser verdienenden Untergebenen unterhöhlt.
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