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4. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Was wollt ihr denn noch?

Arbeitskraft - Katharina Faber

Arbeitskraft - Katharina Faber: Was wollt ihr denn noch? (Bild: istock)Zoom

Arbeitskraft - Katharina Faber: Was wollt ihr denn noch? (Bild: istock)

Katharina Faber

«Nichts», hat sie gesagt. « Wir wollen nichts von dir. Du musst es wollen.» Noch schöner. Natürlich weiss er, dass er arbeiten muss, er hat das nie bestritten. Aber warum genügt es nicht, dass einer arbeitet?

Warum verlangt alle Welt, dass man zu der Arbeit hinzu auch noch Diplome machen muss, einen Kurs nach dem andern besuchen, eine Qualifikation nach der nächsten – nie ist es genug. Wo wollen die denn alle hin mit ihren Diplomen, ihren Modulen, ihren Zusatzqualifikationen?

Ins Büro wollen sie. Und dort dann noch mehr verdienen. Bis sie entlassen werden. Immerhin sagte kürzlich so ein Experte im Fernsehen, auch die beste Ausbildung schütze nicht vor Arbeitslosigkeit.

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Sie streiten sich fast nie, nur immer um das eine. Darüber, dass Arbeit nicht genügt, niemals. Und am heftigsten, wenn sie wieder einmal sagt, es gehe um ihn, um sein Leben. Aber was meint sie eigentlich, wenn sie «Leben» sagt? Meint sie damit die Programme, die sie lernt, oder meint sie die seltsamen Kletterkurse, die für die Kader ihrer Versicherung obligatorisch waren, bis einer abstürzte und dann wochenlang ausfiel?

Er quält sich morgens aus dem Bett – eigentlich ist er eine Nachteule, er liebt die Nacht – und frühstückt immer alleine, zu einer Zeit, in der die Damen und Herren von den Büros nicht einmal ein einziges Lid halb heben, und er steht pünktlich beim Bus, dann denkt er die Arbeit des Tages durch.

Die Wochenenden werden allmählich zum verminten Terrain, weil die vielen freien Stunden ihrer sogenannten Arbeit ihr erlauben, sich zu rüsten für den Streit am Samstagmorgen und darüber hinaus auch noch, über allerlei nachzudenken, zu reden, zu klatschen, Geburtstag zu feiern, Abschied zu feiern, Jubiläum zu feiern, neugeborene Kinder zu feiern, Weihnachten, Ostern . . . und irgendwelche Outdoor-Blogs zu lesen, worin andere Bürolisten von ihren Extrem-Bike-Touren erzählen und ihrem Riverrafting, ihrem Triathlon-Training – alles Sachen, die einem normal arbeitenden Menschen nicht in den Sinn kämen. Weil der sich ja erholen muss!

Er will ja nur ausgiebig schlafen, in aller Ruhe frühstücken und dann mit seinen Freunden um die Häuser ziehen oder Fussball schauen, seine Eltern besuchen, richtig gut essen – seine Familie bedeutet ihm viel, sie versteht das.

Er kann sich kein Wochenende ohne seine Grossmutter vorstellen, die ihn grossgezogen hat und die auch jetzt noch alles an ihm wunderbar findet und ihn nie bedrängt hat, nur jetzt ab und zu zwischen ein paar Hustenstössen fragt, wann denn ihre Urenkel endlich kämen, lange werde sie es nicht mehr machen. Wo er doch so eine schöne Frau habe.

Seine schöne Frau findet das «eine andere Kultur» und fühlt sich wohl bei seiner Familie, sie sammelt Diplome und kann ganz gut leben ohne ihre Grossmutter, die immer nur fragt, wie viel sie verdiene und wie viel er und ob die Krankenkasse sie nicht bald entlasse, wo doch alles so teuer werde wegen der Ausländer. Ihre Grossmutter hat nur die eigenen Kinder grossgezogen, seine ein halbes Dorf. Ohne Diplome. Ohne Weiterbildung.

Wenn seine schöne Frau spätabends von einer Outdoor-Tour zurückkommt, mit einer sehr braungebrannten Nase und einer bleichen Stirn, weil sie bei allem, was sie liebt, einen Helm tragen muss und eine Brille, ist sie ganz erfüllt von diesem Tag unter freiem Himmel, von der Natur, und er muss lachen, wenn sie begeistert erzählt.

Hätte sie bei strömendem Regen Pflanzlöcher ausgehoben, wäre die Natur nicht mehr so hoch angesehen bei ihr. Aber dann wäre auch der Abend nicht so sanft und sie nicht in so versöhnlicher Stimmung: Die Natur, die sie so bewundert und die sich ihm widersetzt bei seiner Arbeit, hat auch eine freundliche Seite. Für den nächsten Streit hat er sich jetzt auch einmal gerüstet: Er sah ein kleines dickes Mädchen vergnügt eins ums andere Mal einen jener von ihm frisch aufgeschütteten Hügel herabrollen.

Er legt immerhin Gärten an, während sie bei ihrer Arbeit immer wieder einmal einem Kranken das Geld der Krankenkasse verweigert, was ihr schwerfällt, auch wenn sie in den Schulungen sagen, nur so sei es überhaupt noch möglich, die Leute zu versichern.

Er hingegen bringt Schönheit in die Stadt, Plätze zum Ausruhen, er nimmt niemandem etwas weg. Er fügt etwas hinzu, er stellt etwas hin, er baut. Er ist ein beliebter Vorarbeiter, kein Drängler und Schreier.

Am Ende ist das Ergebnis seiner Anstrengung sehr viel schöner als die Arbeit selbst, das Terrassieren, Planieren, die Gräben, Pflanzlöcher – man sieht sehr lange nicht, was daraus wird, und wenn es geworden ist, scheint alles nur – normal.

Kaum jemand beachtet die kleinen Hügellandschaften vor den neuen Blöcken besonders. Er ja auch nicht. Aber dort spielen Kinder, dort ist Leben – auch seines.


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