17. September 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Warten auf Touristen
Arbeiten in Ägypten
Jürg Bischoff, Nahost-Korrespondent der NZZ
Der Tourismus ist ein Geschäft, das in der Hand der «Ifrit» sei, erklärte mir ein Ägypter unlängst. Die «Ifrit» sind launische und hinterlistige Geister, die den Menschen allerlei böse Streiche spielen und damit zum Auf und Ab des Lebens beitragen. Dass plötzliche Krisen sie ihres Lebensunterhalts berauben können, haben die Ägypter, die in der Tourismusindustrie arbeiten, dieses Jahr wieder einmal schmerzhaft erfahren müssen. Die Massenproteste, die das Land im Januar und Februar erschütterten und schliesslich zum Sturz von Präsident Mubarak führten, haben die ausländischen Gäste aus dem Land vertrieben. Im Februar kamen 80 Prozent weniger Touristen in das Nil-Land als im gleichen Monat des Vorjahrs.
Aufwärtstrend seit Frühjahr
Seither ist es wieder aufwärtsgegangen, wie sich beim Ägyptischen Museum in Kairo zeigt, einer Hochburg des internationalen Kulturtourismus. Reisebusse spucken Touristengruppen aus, warten ein kurzes Stündchen und fahren wieder vor, um die Gäste aus aller Welt zur nächsten Attraktion zu bringen. «Ja, es kommen wieder Touristen», bestätigen ein paar Fremdenführer, die vor dem Museum auf Kundschaft warten. «Aber das sind alles Leute, die eine oder zwei Wochen am Roten Meer am Strand liegen und einen Tag nach Kairo kommen.» Die kulturell interessierten Gäste, welche Kairo über mehrere Tage besuchten, fehlten noch immer. Die Fremdenführer schätzen, dass sie zwischen 30 und 40 Prozent weniger verdienen als vor dem Umsturz.
So um die 40 lizenzierte Touristenbetreuer fänden sich täglich in der Hoffnung auf Kundschaft vor dem Museum ein, erklärt einer von ihnen. Sie haben sich so organisiert, dass einer nach dem andern den Besuchern seine Dienste anbietet. Wird einer engagiert, steht der Nächste neben die Museumskasse. Eine einstündige Führung durch das Museum koste 100 Pfund (etwa 15 Franken), erklärt uns Akram, und an einem normalen Tag komme jeder einmal dran. Natürlich reiche das nicht zum Überleben, bestätigt er auf Nachfrage, aber von Zeit zu Zeit werde man von einem Reisebüro für einen oder mehrere Tage für die Begleitung einer Reisegruppe engagiert. Oder es fänden sich Kunden, die ein Besuchsprogramm für die ganze Stadt wollten.
«Dranbleiben»
Es gebe auch Kollegen, die gäben auf und sässen einfach nur zu Hause herum, berichtet Akram missbilligend. «Man muss dranbleiben», meint er, «andere Geschäfte auftun.» Das macht zum Beispiel einer der Kollegen, die sich am Gespräch beteiligen. Mit seiner Freundin in Biel organisiert er jährlich zwei bis drei Gruppenreisen für Schweizer Reisende. Dies mache heute den grössten Teil seines Einkommens aus, sagt er.
Die Sprache kommt auf die Revolution, die ihrer Arbeit so geschadet hat. Die neue Situation hat aber grosse Hoffnungen geweckt. Wenn sich diese erfüllten, dann sei es auch nicht so schlimm, dass man während ein paar Monaten den Gürtel enger schnallen müsse, meint einer. «Nur ruhig muss es bleiben», sagt ein anderer, «damit in der kommenden Wintersaison die Gäste wieder kommen.»
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