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17. April 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Von Tischstationen, die mehrere Epochen vermitteln

Berufswelt der Technik

Berufswelt der Technik, historische Telefonapparate. Zoom

Berufswelt der Technik, historische Telefonapparate.

Robin Schwarzenbach

Das waren noch Zeiten, als man Telefonapparate noch mit etwas Muskelkraft, aber ohne Wählscheibe und schon gar nicht über eine Tastatur bediente. Eine Kurbel erzeugte die notwendige Spannung. Der elektrische Impuls wurde an die Leitung weitergegeben und signalisierte der Vermittlungszentrale, dass der Teilnehmer ein Gespräch führen wollte. Meist meldete sich eine Frauenstimme: «Hier Amt, was beliebt?», worauf die Nummer des gewünschten Gesprächspartners anzugeben war. Dann stellte die Telefonistin die Verbindung her. Dem Angerufenen stand es frei, ein Gespräch abzulehnen. «Bitte rufen!» Oder aber: «Schon besetzt. Werde melden, wenn frei!»

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Belle Epoque und Hightech

Die Tischstation «Stockholm» von Ericsson aus dem Jahr 1892 ist so ein Gerät. Bei Classic Telephon, der Werkstatt von Gilbert Engler im Zürcher Seefeldquartier, ist das Modell gleich zweimal anzutreffen. Ein Nachbau steht für etwas über 1000 Franken zum Verkauf; ein Original gehört einem Kunden. Das hohe Alter ist dem Telefon deutlich anzusehen. Die Stoffschnur zwischen Hörer und Gehäuse ist abgewetzt, der Griff zwischen den beiden Muscheln schmutzig, die Messingelemente ohne Glanz, ebenso die beiden Glocken. «Die Gabel ist erst nach dem Ersten Weltkrieg angebracht worden, die muss ich noch ersetzen», sagt Engler. Der Auftraggeber bestehe auf einem Apparat aus den 1890er Jahren. Da komme es auf jedes Detail an. Indes: Am Ende geht es nicht um ein Objekt der Zierde, sondern um ein funktionstüchtiges Telefon im Jahr 2011. Unverändert bleibt das Gerät lediglich von aussen. Im Innern hat Engler dafür zu sorgen, dass die Tischstation an ein modernes Netzwerk angeschlossen werden kann. Das allein wäre kein Problem. Das Gehäuse bietet einen genügend grossen Hohlraum, so dass die Elektronik relativ einfach unterzubringen sein wird.

Ganz ohne Konzession an die Gegenwart geht es jedoch auch optisch nicht. Da es keine Vermittlungsstellen mehr gibt, muss das Telefon mit einer Wahlfunktion ausgestattet sein. Solche Stilbrüche gilt es abzufedern. In dem Fall hat Engler vom Kunden eine passende Schatulle erhalten, in die er den Nummernschalter baut. Derzeit liegt das gute Stück aus der Belle Epoque bei einem Schreiner, der es mit einem Schliessmechanismus versehen wird.

Immenses Ersatzteillager

Für Gilbert Engler gehören solche Aufträge zu den besonderen Herausforderungen. Seit 1970 befindet sich seine Werkstatt an derselben Adresse im Untergeschoss eines Wohnhauses. Der Elektroniker, der einst zu einer Malerlehre verknurrt worden war und seiner wahren Leidenschaft zunächst nur in Abendkursen nachgehen konnte, konzentrierte sich am Anfang auf die Reparatur von gebrauchten TV-Geräten. In den 1970ern, als ein neuer Schwarz-Weiss-Fernseher noch mehr als 1000 Franken kostete, war das ein gutes Geschäft. Dann begannen die Preise zu sinken, und Engler verlegte sich mehr und mehr auf Revisionen und Reparaturen von Telefonapparaten.

Auch das scheint nicht schlecht zu laufen. Mit der Arbeit, sagt Engler, kämen er und sein Mitarbeiter kaum mehr nach. Und er bekennt: «Die meisten Geräte gelangen in einem derart schlechten Zustand zu uns, dass eine Neuanschaffung wesentlich billiger wäre.» Natürlich weise er niemanden ab, doch er sei sich auch nicht zu schade, die Kundschaft darauf aufmerksam zu machen, dass es sich eigentlich nicht mehr lohne. Freilich: Engler argumentiert auch aus einer Position der Stärke. Viele seiner Kunden wollen kein neues Telefon, und häufig ist er der Einzige, der sich eines etwas in die Jahre gekommenen Apparates überhaupt noch annehmen kann. Hierfür steht ihm ein sehr umfangreiches, möglicherweise gar einzigartiges Ersatzteillager zur Verfügung.

Schwierige Nachfolgersuche

Die Zukunft von Classic Telephon ist jedoch ungewiss. Der 65-jährige Engler ist schon länger auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger – bisher ohne Erfolg. Der Inhaber geht davon aus, dass er das letzte revidierte Telefon noch in diesem Sommer übergeben wird. Gleichwohl ist Engler überzeugt, dass man mit historischen Telefonapparaten, aber auch mit jüngeren Occasionsmodellen Geld verdienen könnte. Aber er weiss auch: «Ich bin ein guter Techniker, doch als Verkäufer bin ich leider nicht zu gebrauchen.»

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