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4. Juni 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Von Geschichten leben

Arbeitskraft - Pedro Lenz

Arbeitskraft - Pedro Lenz - Von Geschichten leben (Bild: iStock)Zoom

Arbeitskraft - Pedro Lenz - Von Geschichten leben (Bild: iStock)

Im Spanischen gibt es für das, was man bei uns Schnorren nennt, eine poetische Umschreibung: «vivir del cuento», was ungefähr so viel heisst wie «vom Geschichtenerzählen leben». Er lebe von Geschichten, sagte man früher in Spanien von einem, der keinen seriösen Beruf ausübte. Damit musste freilich nicht unbedingt bloss der Bettler gemeint sein, der einem jede Menge abenteuerlicher Geschichten auftischte, um zu erklären, weshalb er gerade dringend den oder jenen Betrag brauche. Er lebe von Geschichten konnte es auch von einem heissen, von dem man vermutete, seine Geschäftstätigkeit sei nicht ganz sauber oder er lasse sich von anderen Leuten finanziell aushalten. Die Redensart wird nun allerdings immer öfter auch auf unverdächtige Berufsleute angewandt. Sie hat gegenwärtig Hochkonjunktur, und wer sich umhört, könnte fast glauben, immer mehr Spanierinnen und Spanier lebten von Geschichten.

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Sehen wir uns die gegenwärtige Berufslandschaft an, stellen wir fest, dass vermutlich auch hierzulande mehr Leute von Geschichten leben als von produktiver Arbeit. Fast der ganze Dienstleistungssektor basiert auf Geschichten. Werbebotschaften zum Beispiel sind nichts anderes als bald geistreichere, bald plumpere Geschichten. Jeder Versicherungsagent muss ein guter Geschichtenerzähler sein. Die Kleiderverkäuferin erzählt mir, diese oder jene Jacke passe ganz genau zu mir, oder ich sei nun präzise der Typ, der so ein buntes Hemd tragen könne. Das sind Geschichten, die ich von ihr hören will. Trendbewusste Gastwirte erzählen ihrer Kundschaft die Herkunftsgeschichten ihrer Produkte. Weinhändler erzählen Geschichten von abgerundeten Vanille-Spuren, die sich hinter einem aromatischen Brombeer-Flair verstecken. Manche Anlageberater erzählen einem das Märchen vom traumhaften Zinsertrag ohne Risiko. Es gibt Architekten, die besser erzählen als zeichnen. Die Liste geschichtenerzählender Berufsleute liesse sich endlos erweitern.

Interessanterweise lässt sich in dieser geschichtenerfüllten Zeit auch feststellen, dass sich das Theater, ein Berufsfeld also, das natürlicherweise vom Geschichtenerzählen lebt, immer öfter von den Geschichten abwendet. Nostalgische Theaterbesucher verweisen auf die Zeiten, als jedes Bühnenstück noch eine klar erkennbare Geschichte enthielt. Zeitgenössisches Theater sei nur noch eine Aneinanderreihung mehr oder weniger origineller Ideen, klagen sie. Ähnliches liesse sich von der Literatur sagen. Oftmals treten in zeitgenössischen Romanen die Geschichten zugunsten der Form in den Hintergrund.

Ob die Entwicklung begrüssens- oder bedauernswert ist, bleibe offen. Etwas Verständnis für Theaterleute und Literaten ist jedoch angebracht. Sie, die bis vor einigen Jahren für das Erzählen von Geschichten zuständig waren, werden immer mehr von anderen Berufsgruppen abgelöst. «Wenn doch ohnehin bald jeder von Geschichten lebt, dann brauchen wir keine Geschichten mehr zu erzählen», scheinen sie uns damit mitteilen zu wollen.


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1 Leserkommentar:
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andreas furrer (7. Juni 2011, 17:14)
sie sagen es herr lenz

arbeiten sie für kuoni?

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