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7. August 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Vertrauen auf Vater Staat

Arbeiten in Tschechien

Arbeiten in Tschechien - Vertrauen auf Vater Staat (Bild: iStock)Zoom

Arbeiten in Tschechien - Vertrauen auf Vater Staat (Bild: iStock)

Rudolf Hermann, Korrespondent der NZZ in Prag

Wer ein Leben lang gearbeitet hat, sollte Anrecht auf einen angemessenen Ruhestand haben – auf der Ebene dieser allgemeinen Formulierung sind sich in Tschechien alle einig. Doch: Was genau ist ein «angemessener Ruhestand»? Soll das System, nach welchem er ermittelt wird, auf rein solidarischer Basis stehen oder auch berücksichtigen, in welcher Weise und Höhe während der produktiven Zeit Beiträge geleistet worden waren? Da das Pensionssystem in Tschechien, im Unterschied etwa zur Schweiz, nur aus einer obligatorischen Komponente besteht, die auf dem Umlageverfahren basiert, werden solche Fragen derzeit heiss diskutiert.

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Und hier gehen denn die Meinungen unter Experten auch weit auseinander. Das Verfassungsgericht befand jüngst, das System müsse die Höhe der geleisteten Einzahlungen mehr als bisher berücksichtigen. Das Parlament verabschiedete eine entsprechende Gesetzesnovelle. Präsident Klaus aber wies diese zurück mit der Begründung, der Staat sei keine Versicherungsanstalt.

Sowohl bei dieser «kleinen» Rentenreform wie auch bei der «grossen», die die Einführung einer fakultativen zweiten Säule vorsieht, befindet sich die Politik damit auch im Jahr 22 nach dem Systemwechsel immer noch beziehungsweise wieder auf Feld eins. Dabei drängt die Zeit, denn das System ist so, wie es derzeit ausgestaltet ist, mittel- bis längerfristig nicht haltbar.

Ein erstaunliches Faktum ist in Tschechien, wie unpopulär bei einem grossen Teil der Bevölkerung Versuche sind, das hergebrachte rein solidarische Rentensystem um Komponenten individuellen Sparens zu ergänzen. Dabei bewegen sich die Altersrenten in einer relativ engen Bandbreite und belaufen sich gegenwärtig im Durchschnitt auf umgerechnet etwa 600 Franken pro Monat – kaum eine ausreichende Grundlage für den «angemessenen Ruhestand», auf den alle hinarbeiten.

Einen Grund für die Beliebtheit des rein staatlichen Systems sieht ein Experte in einem traditionell egalitären Selbstverständnis der tschechischen Gesellschaft. In einer Welt, in der sich die Einkommensschere gegenüber der Zeit des Sozialismus weit geöffnet hat, der Reichtum anderer aber vielfach mit Argwohn beobachtet wird, will man diese letzte Bastion der Gleichheit offenbar nicht preisgeben. Ferner herrscht eine verbreitete Ansicht, das Geld fürs Alter sei beim Staat in besseren Händen als bei privat geführten Fonds, die von vielen mit hohen Gebühren und im besseren Fall mit bloss gierigen, im schlechteren Fall sogar mit betrügerischen Managern assoziiert werden. Die globale Krise hat solche Gefühle eher verstärkt als vermindert.

Eine Zukunft, in welcher die schon heute kaum generösen Renten durch die demografische Entwicklung weiter erodiert werden (wenn das System nicht verändert wird), scheint noch weit weg. So vertraut man in Tschechien für das Leben nach der Arbeit weiterhin auf Vater Staat.


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1 Leserkommentar:
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Christian Müller (17. August 2011, 17:39)
So unrecht haben sie nicht...

Das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Managern und Politikern in Tschechien ist mehr als gerechtfertigt. Die Korruption nimmt (in den oberen "Etagen") offensichtlich zu statt ab, die Kluft zwischen Reich und Arm wird tendenziell tiefer, da ist Vorsicht sehr wohl angesagt. Selbst in der Schweiz bleibt, wie man seit kurzem weiss, beim BVG sehr viel Geld irgendwo hängen. Und bei einer Staatsverschuldung in Tschechien von rund 40% muss nichts übers Knie gebrochen werden. Es eilt offensichtlich vor allem jenen, die von einem modifizierten System eben profitieren könnten - und das sind nicht die Bezüger...

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