5. Februar 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Schleifen, Drehen und Fräsen übernimmt die Maschine
Berufswelt der Technik
Guy A. Lang
In der Brusttasche seines Arbeitskittels trägt Adrian Gallmann zwei kleine Feilen, einen roten Filzstift, einen Massstab sowie einen Kugelschreiber bei sich. «Auf den bearbeiteten Werkstücken findet sich oft noch ein überstehender Grat, den ich wegfeilen muss. Mit dem Filzstift bezeichne ich die Rohlinge dort, wo ich sie ausgemessen habe und den Kugelschreiber benutze ich für die Protokolle, die der Kunde braucht», sagt der Polymechaniker, der die Kyburz Feinmechanik AG, einen KMU-Betrieb mit 18 Personen leitet, darunter 4 Auszubildende, die den Beruf eines Polymechanikers erlernen.
Drei Berufe, ein Lehrgang
Bis 1998 gab es Feinmechaniker, Maschinenmechaniker und Werkzeugmacher als eigenständige Ausbildungen, jetzt sind alle unter dem neuen Berufsbild Polymechaniker zusammengefasst. Von den vier Lehrjahren sind die ersten zwei der Grundausbildung gewidmet. Dabei werden die Lernenden mit den Werkstoffen und den grundlegenden Kenntnissen in der manuellen Fertigungstechnik vertraut gemacht. Vor allem lernen sie, die computergesteuerten Maschinen zu programmieren, in denen die Werkstücke gefräst, gedreht, gebohrt und geschliffen werden. Sie wechseln die Teile, stellen die Werkzeuge ein und rüsten die Maschinen um. Gallmann: «Unser Beruf hat nicht mehr viel mit Handwerk zu tun, etwas putzen und schleifen ist schon alles. Den Rest erledigen die Maschinen. Ich selber habe noch Feinmechaniker gelernt und musste stundenlang feilen. Heute macht man sich die Hände allenfalls noch beim Kontakt mit dem Material oder dem ölversetzten Kühlwasser schmutzig.»
Die letzten beiden Lehrjahre dienen der Schwerpunktausbildung. Je nach Lehrbetrieb geht das in Richtung Teilefertigung oder Werkzeugbau. Die Lernenden sind von Anfang an in den Arbeitsprozess eingespannt. «Polymechaniker sind Spezialisten», sagt Gallmann, «es kann also nicht jeder überall arbeiten.» Er hat das Problem so gelöst, dass er auf seinen im Haus ausgebildeten Nachwuchs zurückgreifen kann, der mit der Fertigung von Einzelteilen vertraut ist. Noch sind die meisten Lernenden Männer, für Gallmann ist Polymechaniker allerdings ein denkbar geeigneter Beruf für Frauen: «Schwer ist es nur, wenn wir eine Schachtel Rohmaterial versorgen müssen.»
Kleine Toleranzgrenze
Aluminium, normaler Stahl, rostfreier Medizinalstahl, Baustahl, Werkzeugstahl, Kunststoff – es gibt fast kein Material, welches das Team der Kyburz AG als Zulieferer von Einzelteilen nicht bearbeiten kann. «Je nach Kunde und Auftrag müssen wir klare Anforderungen erfüllen und Zeugnisse über Herkunft und Eigenschaften liefern.» Gerade im Medizinalbereich sind die Vorgaben bezüglich Rostfreiheit, Zähigkeit und Toleranz sehr hoch. Gallmann: «Wir liefern beispielsweise Instrumente für Hüftoperationen. Vorne befindet sich ein Raspel, der so abgebogen ist, dass man zwischen dem Gewebe durchkommt.» Dabei beträgt die Toleranz zwischen zwei und fünf hundertstel Millimeter.
«Wir erhalten zuerst vom Auftraggeber eine 3-D-Zeichnung, die ein Ingenieur geplant und gezeichnet hat. Unsere Herausforderung ist, diese Zeichnung in ein konkretes Teil umzusetzen», sagt Gallmann. Auf dem Bildschirm wird das Teil gedreht und gewendet, bis der Programmierer weiss, welche Schritte für welche Werkzeuge und Instrumente er einsetzen muss, um die Fräs- und Dreharbeiten möglichst effizient zu programmieren. «Unsere erste gesteuerte Maschine war für 128 Sätze programmierbar, ein heutiges Programm braucht mehrere tausend Sätze», erläutert er. Wobei ein Satz bestimmt, dass von da nach da gefräst, an einer bestimmten Stelle ein Gewinde gebohrt oder eine Nut ausgeschliffen wird. Ist der Arbeitsprozess auf dem Computer bis ins kleinste Detail nachvollziehbar, wird die Maschine mit den einzelnen Schritten gefüttert, der Rohling eingespannt, allenfalls nach einiger Zeit umgespannt und als gefertigtes Teil herausgenommen.
Der Swiss Award
Ein reizvoller Auftrag war die Fertigung des Swiss Award für das schweizerische Fernsehen. Er besteht aus einer Metallhülle, welche ein Plexiglasteil mit den Umrissen der Schweiz und ein Schweizerkreuz umfasst. Der Polymechaniker: «Mit Plexiglas hatten wir keine Erfahrung, aber es hat geklappt.»
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/startseite/schleifen_drehen_und_fraesen_uebernimmt_die_maschine_1.9360118.html







Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.