Direkte Links und Access Keys:

28. August 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Polizisten am Samstag

Arbeitskraft - Pedro Lenz

Arbeitskraft - Pedro Lenz (Bild: iStock)Zoom

Arbeitskraft - Pedro Lenz (Bild: iStock)

Ein kleines Fussballstadion in einer Kleinstadt irgendwo in diesem Land. Samstägliche Idylle, es riecht nach grillierten Würsten und Sonnencrème, das Publikum freut sich auf ein ereignisreiches Spiel. Das Stadion ist eigentlich eher ein Sportplatz, eine ruhige, saubere Grünanlage mitten in einem Wohnquartier. Viele der Fans, die am Samstagnachmittag zum Spiel gekommen sind, kennen sich, grüssen sich, sprechen über das bevorstehende Spiel, den Gegner, die Hitze und die Aussichten des eigenen Teams. Die Gästemannschaft hat ein paar Dutzend Anhänger mitgebracht, freundliche Menschen mit bunten Halstüchern, die sie der Hitze wegen nur locker auf die Schultern gelegt haben.

Anzeige:

Mitten in dieser friedlichen Welt stehen ein paar einsatzbereite Polizisten. Sie sind zum Spiel gekommen, weil es ein Spiel einer höheren Liga ist und weil es in Spielen höherer Ligen Probleme mit dem Publikum geben kann. Dass es an diesem konkreten Spiel keine Probleme mit dem Publikum geben wird, sieht jeder von weitem. Auch die Polizisten scheinen es gemerkt zu haben, denn sie lehnen sich gemütlich an eine Wand und essen stehend Bratwürste. Vielleicht denken diese Polizisten, dass es schön und angenehm ist, für einmal einen ruhigen Sportnachmittag zu verbringen – ohne Helm und Schutzschild, ohne Provokationen und Kampfeinsatz. Vermutlich denken diese Polizisten aber auch, dass sie, wo sie doch übers Jahr schon so viele Überstunden angehäuft haben, heute gerne einen freien Nachmittag bezogen hätten. Möglicherweise fällt ihnen an diesem Spiel ein, dass sie selber schon lange nicht mehr einem Ball nachgejagt sind oder dass es an einem derart heissen Nachmittag nirgendwo so schön wäre wie an einem Gewässer.

Jemand hat diese Polizisten zu diesem Spiel beordert. Jemand hat kraft seiner Autorität befunden, dass es nötig und sinnvoll sei, an diesem Fussballnachmittag so und so viele Polizisten einzusetzen. Noch vor ein paar Monaten fanden auf diesem Sportplatz Fussballspiele ohne Polizisten statt. Es war genau so ruhig wie jetzt, da die Polizisten da sind. Wer immer ihren Einsatz angeordnet hat, wird sich damit rechtfertigen, dass es Verordnungen gebe, dass es besser sei vorzubeugen und dass vermutlich genau jene, die sich jetzt über den nutzlosen Polizeieinsatz wundern, die Ersten wären, die sich beschweren würden, wenn etwas geschähe und die Polizei nicht vor Ort wäre.

Die Polizisten im Stadion tun, was sie tun müssen. An diesem Spiel haben sie vor allem Präsenz zu markieren. Dass es sich um eine relativ sinnlose Präsenz handelt, merken sie selbst. Wären sie gefragt worden, hätten sie ihren Vorgesetzten vielleicht erklären können, dass an einem solchen Spiel nichts passieren wird. Wahrscheinlich hat sie niemand nach ihrer Einschätzung gefragt. «Gehen wir?», fragt lange nach Spielschluss einer der Polizisten einen Kollegen. Der schaut ihn gedankenverloren an, schaut auf die Uhr und sagt schliesslich fast gelangweilt: «Ich glaube schon.»


Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.

Keine Leserkommentare

 

Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.

Artikel weiterleiten

Polizisten am Samstag

Arbeitskraft - Pedro Lenz

Ein kleines Fussballstadion in einer Kleinstadt irgendwo in diesem Land. Samstägliche Idylle, es riecht nach grillierten Würsten und Sonnencrème, das Publikum...

Artikel versenden als E-Mail:

Sie müssen in Ihrem Browser Cookies aktivieren, um dieses Formular zu verwenden.

Sicherheitscode

Bitte übertragen Sie den Sicherheitscode in das folgende Feld:

* Pflichtfeld