Direkte Links und Access Keys:

6. März 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Die «Lebensversicherer» des Skigebietes

Berufswelt der Technik

Perfekter Kunstschnee: entsteht in kalten und windstillen Nächten. Zoom

Perfekter Kunstschnee: entsteht in kalten und windstillen Nächten.

Johanna Wedl

Den 19. Dezember 2010 vergisst Wisi Bissig nicht so schnell. Es herrschten Minustemperaturen, als der 28-Jährige auf über 2000 Metern über Meer im Skigebiet Lenzerheide mit einem Schneemobil über die Pisten fuhr. Er hielt gelegentlich an, um Beschneiungsgeräte zu kontrollieren. Bei einer Maschine stimmten die Werte nicht, der Druck war zu hoch. Dem Profi war klar: Es muss eine Wasserleitung geborsten sein, die mehrere Meter tief unter der Erde liegt. Um den Schaden zu reparieren, zogen Raupen einen Bagger die steile Piste hinauf. Bissig und ein Kollege kraxelten in das dreckige, schmale Erdloch und rammten Spaten in den Boden. Schicht um Schicht schaufelten sie frei, bis die defekte Leitung freigelegt war.

Anzeige:

Sozusagen Selbststudium

Die Arbeit als Pistenbeschneier sei «ein Knochenjob», sagt Martin Cola, Leiter Beschneiung, Pisten und Rettung bei den Lenzerheide-Bergbahnen (LBB). Wer hier arbeite, sei ein «Idealist und Kämpfer und sich nicht zu schade, seine Hände dreckig zu machen». Daran ist Wisi Bissig gewöhnt, arbeitet er doch bereits den sechsten Winter in der Lenzerheide. Sein Wissen hat sich der Urner selbst angeeignet, denn eine Ausbildung für Beschneier gibt es noch nicht. Der Branchenverband Seilbahnen Schweiz diskutiert allerdings, ob künftig Lehrgänge angeboten werden, wie es sie beispielsweise in der Pistenrettung gibt. Komplex ist die Arbeit eines Beschneiers allemal: Es genüge nicht, in einem Schaltraum zu sitzen und am Computer einige Knöpfchen zu drücken, sagt Wisi Bissig. Die meiste Zeit verbringe er draussen auf der Piste.

Der gelernte Elektriker peilt mit dem Schneemobil die Propellermaschinen an, wie die Schneekanonen im Fachjargon heissen. Vor Ort überprüft er, ob die Wassertemperaturen stimmen und die Hydraulik funktioniert. Wenn nötig, repariert der Urner selbst defekte Maschinenteile.

Wegen Nebel kein Beschneien

Sein Schnee sei Natur pur, betont Bissig. «Wir verzichten auf künstliche Zusätze und setzen nur Wasser und Luft ein.» Der perfekte Kunstschnee entstehe, wenn die Nacht sternenklar, kalt und windstill sei. Wichtig sei auch eine möglichst tiefe Luftfeuchtigkeit. Bei Nebel sei die Luft gesättigt und die Produktion der weissen Pracht schwierig. Matchentscheidend ist zudem die Temperatur. «Nur weil die Leute im Dorf ihre Autoscheiben freikratzen, können wir noch lange nicht schneien», sagt Martin Cola.

Die Einheimischen beobachteten genau, ob nachts die Lichter der Raupen leuchteten. Blieben die Skigäste fern, erleide die ganze Region enorme Einbussen. Insbesondere in Zeiten mit wenig Naturschnee gewinne der Job des Beschneiers an Bedeutung. Ohne die 118 Propellermaschinen und 248 Lanzen wäre es nicht möglich, auf der Lenzerheide die ganze Saison lang Ski zu fahren. Um auch dann für weisse Pisten zu sorgen, wenn die Wiesen im Tal grün sind, beschneien die LBB 55 von 155 Pistenkilometern. Wolle ein Skigebiet auf dem Markt bestehen, müsse es Schneesicherheit garantieren, sagt Martin Cola. «Wir erzielen rund 95 Prozent des Jahresumsatzes im Winter. Die Beschneiung ist unsere Lebensversicherung.»

Seit Ende neunziger Jahre werden in der Lenzerheide die Pisten künstlich beschneit. Für den perfekten Belag unter Ski und Snowboard arbeiten jede Saison 52 Personen im Pistendienst. Insgesamt zählen die LBB rund 420 Mitarbeitende, die Hälfte davon arbeitet in der verpachteten Gastronomie.

Schneekanone lebt 20 Winter

Für Beschneier Wisi Bissig beginnen ab Oktober lange Arbeitstage. Bis zu den Weihnachtstagen versuchen der Teamleiter und seine Mitarbeiter, rund um die Uhr Schnee herzustellen. Danach laufen die Geräte nur mehr vereinzelt. Kehrt im März der Frühling ein, räumen die Arbeiter die Maschinen weg und machen sich an die Revision.

Eine Schneekanone leistet stolze zwanzig Jahre Dienst. Funktioniert ein Gerät nicht, führt das bei Wisi Bissig zu schlaflosen Nächten – so wie am 19. Dezember 2010. Die Rohre waren ausgerechnet auf der Weltcup-Piste geborsten. Die Reparatur konnte allerdings in nur vier Tagen erledigt und die Schneekanonen neu gestartet werden.

Für die Rennen vom 16. bis zum 20. März 2011 sind die Pisten dank Bissig und seinen Kollegen perfekt präpariert.

Anzeige:


Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.

Keine Leserkommentare

 

Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.

Artikel weiterleiten

Die «Lebensversicherer» des Skigebietes

Berufswelt der Technik

Den 19. Dezember 2010 vergisst Wisi Bissig nicht so schnell. Es herrschten Minustemperaturen, als der 28-Jährige auf über 2000 Metern über Meer im Skigebiet...

Artikel versenden als E-Mail:

Sie müssen in Ihrem Browser Cookies aktivieren, um dieses Formular zu verwenden.

Sicherheitscode

Bitte übertragen Sie den Sicherheitscode in das folgende Feld:

* Pflichtfeld