13. Februar 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Nägel und Mobiltelefone
Arbeitskraft - Pedro Lenz
Die Nutzerin eines Mobiltelefons war ziemlich verzweifelt. Das Gerät sei praktisch neu, erklärte sie ihrem betagten Vater. Trotzdem funktioniere es nicht mehr richtig. Sie solle es reparieren lassen, antwortete der Vater. Für diese scheinbar vernünftige Antwort wurde der alte Mann von seiner Tochter ausgelacht. Ein Handy reparieren lassen? Ein Handy werde nicht repariert, das werde ersetzt. Die Reparatur eines solchen Gerätes wäre niemals rentabel, weil es schon zu teuer wäre, überhaupt nachzusehen, was dem Gerät fehle. «Das kann ich fast nicht glauben, dass ein Handy so schnell entsorgt wird», antwortete ihr Vater, worauf ihm die Tochter mit schlecht kaschierter Ungeduld zu verstehen gab, es sei aber so, ob er es glaube oder nicht. «So eine Welt!», seufzte der Vater.
Die kleine Episode erinnerte mich an einen alten, inzwischen wohl längst verstorbenen Baumeister. Der Mann hatte es sich, nachdem er sein Baugeschäft seinen Söhnen übergeben hatte, zur Gewohnheit gemacht, auf den Baustellen gebrauchte Nägel vom Boden aufzuheben. Wenn er ein halbes Dutzend Nägel in der Hand hielt, näherte er sich jeweils irgendeinem Arbeiter und reichte ihm die Nägel mit den Worten: «Schau, bei mir lernst du sparen.»
Für diesen Satz wurde er von den Arbeitern heimlich verspottet. Was der alte Baumeister nämlich nicht berechnete, war die Zeit, die ein Arbeiter brauchte, um die alten Nägel gerade zu klopfen und zu sortieren. Schon vor dreissig Jahren war eine Packung mit tausend neuen Nägeln deutlich weniger wert als eine Arbeitsstunde. Trotzdem traute sich niemand, dem alten Baumeister vorzurechnen, dass seine Beschäftigung mit den herumliegenden Nägeln unrentabel war. Wozu hätten sie ihm etwas sagen sollen? Der Nägel sammelnde Seniorchef war Teil des Arbeitsalltags. Alle Arbeiter hatten sich an seine Anwesenheit und an seine eigenwilligen Sparbemühungen gewöhnt. Noch heute erinnern sie sich hin und wieder mit einem mitleidigen Lächeln an den stets gebückten Nagelsammler.
In unserer Zeit und in unserer Welt werden Nägel nicht mehr gerade geklopft, und Mobiltelefone werden nicht mehr repariert. Ob das wirklich ein Fortschritt ist, weiss ich nicht. Aber je älter ich werde, desto näher bin ich dran, den alten Baumeister und seinen Satz: «Schau, bei mir lernst du sparen» neu zu verstehen. Möglicherweise hat er ja damals nicht bloss in Nagelpreisen und Stundenlöhnen gerechnet. Vielleicht hat er in seiner Rechnung auch seine eigene Freude am Aufheben herumliegender Nägel und seine Befriedigung, auf diese Weise noch etwas zum Gelingen der Bauprojekte beitragen zu können, mitberücksichtigt. Inzwischen bin ich sogar bereit, zu vermuten, die Beschäftigung mit den herumliegenden Nägeln habe den alten Mann rüstig gehalten und ihm den einen oder anderen Arztbesuch erspart.
Ob sich der alte Vater der Mobiltelefonbesitzerin zwischendurch auch gegen den Zeitgeist wehrt, indem er gebrauchte Nägel vom Boden aufhebt?
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Kommentare lesen
Sam H. Goldstein (20. Februar 2011, 15:19)
Haltbarkeitsdatum
Nicht vergessen sollte man, dass die Funktionszeit moderner Geräte absichtlich beschränkt wird, um grössere Serien zu produzieren.
Das hat mit den Glühlampen begonnen, deren Hersteller sogar Bussen verteilten, wenn im Mittel 1000 Stunden Brenndauer überschritten wurde und hört mit dem iPhone noch lange nicht auf.
Auch Software hat Fehler, damit die Nachfolger verkauft werden.
Zuverlässig funktionierende und ausgereifte Produkte sind nur noch bei wenigen wie Victorinox/Wenger erhältlich.
Die Kunden wollen eher das Neueste - wie unsinnig es auch sein mag (siehe Autos).
Andreas Schmid (18. Februar 2011, 13:48)
Alles ist eben mit Allem verwoben!
Rentabilität ist auch immer relativ. Bei steigenden Rohstoffpreisen und sinkenden Löhnen werden wir sicher bald wieder Arbeiter auf der Baustelle Nägel aufheben sehen. Wenn wir in Afrika Tantal und Coltan zu realen Marktpreisen kaufen müssten würden wir unsere Handies schon längst wieder reparien lassen.
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