31. Dezember 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Mutproben und Konfitüre
Arbeitskraft - Pedro Lenz
Pedro Lenz
Es gab einmal eine Zeit, in der junge Menschen in den Schul- oder Semesterferien keine Probleme hatten, einen Ferienjob zu finden. Die Wirtschaftslage im Land war günstig, und ausserdem waren noch viel weniger Arbeitsabläufe automatisiert als heute. Fast überall gab es für Schüler und Studenten deshalb die Möglichkeit, sich für ein paar Wochen in einer Fabrik als Hilfskraft anstellen zu lassen.
Ein Bekannter von mir, der seinerzeit Wirtschaft studiert hat, aber später Musiker geworden ist, erzählte mir neulich beim Frühstück in einem Hotel von seiner Erfahrung als Ferienbub in einer Konservenfabrik. Angefangen hat es damit, dass ich mir am reichhaltigen Frühstücksbuffet eine Portion Konfitüre geholt hatte. Ob ich wirklich beabsichtigte, diese Konfitüre zu essen, fragte mich der Musiker mit gespieltem Entsetzen. Ich wisse nicht, was mich daran hindern könne, gab ich verwundert zur Antwort.
Und da begann er, von seinem Ferienjob in besagtem Betrieb, in dem unter anderem Fruchtkonfitüre hergestellt wurde und immer noch hergestellt wird, zu erzählen. Er habe dort in den Herbstferien jeweils frisch gepflückte Beeren gewaschen und sortiert. Dann seien die Beeren in einem riesengrossen Bottich mit viel Zucker eingekocht worden. Das habe wunderbar gerochen, und ausserdem habe es sehr schön ausgesehen, wie die Beeren und der Zucker in diesem Bottich geblubbert hätten.
In seinem ersten Jahr als Hilfsarbeiter sei er der Jüngste einer ganzen Gruppe von Ferienaushilfen gewesen. Und schon am ersten Arbeitstag hätten die älteren Burschen zu ihm gesagt, er werde, einer alten Tradition gehorchend, im Verlauf der kommenden zwei Wochen noch eine Mutprobe zu bestehen haben. Worum es sich dabei handle, habe er gleich wissen wollen. Er möge sich gedulden, er werde es früh genug erfahren, hätten die andern zu ihm gesagt. Die Mutprobe sei nicht besonders schwierig, aber sie erfordere eine gewisse Nervenstärke.
Von da an sei er jeden Morgen mit gemischten Gefühlen in die Konservenfabrik zur Arbeit gefahren. Immer wieder habe er an die angekündigte Mutprobe denken müssen und sich voller Sorge gefragt, worum es sich dabei handeln könnte. Aber jedes Mal, wenn er seine Kameraden darauf habe ansprechen wollen, hätten sie ihn mit Handzeichen aufgefordert, still zu sein. Die Mutprobe sei eine Angelegenheit, die nur die Ferienbuben betreffe, hätten sie ihm flüsternd erklärt, davon brauche der Abteilungsmeister nichts zu wissen.
Als die Schulferienzeit sich allmählich dem Ende zugeneigt habe, habe er angenommen, die Mutprobe sei vergessen und er werde sich nun doch nicht zu beweisen haben. Dieser Gedanke habe ihn beruhigt. Doch am allerletzten Arbeitstag sei einer der älteren Ferienburschen zu ihm gekommen und habe ihn mit aller Ernsthaftigkeit der Welt dazu aufgefordert, innerhalb von wenigen Minuten einen Liter Wasser zu trinken. «Wieso soll ich einen Liter Wasser trinken, ich habe jetzt überhaupt keinen Durst!», habe er verkündet. Aber der Befehl des Älteren sei unmissverständlich gewesen: «Dein Durst interessiert keinen.»
Nachdem er den Liter Wasser fast in einem Zug getrunken habe, sei ihm beinahe übel geworden. Ausserdem habe er einen unerträglich starken Harndrang verspürt. Das habe er seinen Kameraden auch mitgeteilt. «Das ist gut», habe einer gemeint, «wir lenken jetzt den Werkmeister ab, und wenn die Luft rein ist, pinkelst du in den Konfitürebottich.» Er habe widersprechen wollen, gleichzeitig sei der Druck auf seiner Blase schon so enorm gewesen, dass ihm kaum etwas anderes übrig geblieben sei, als der Aufforderung Folge zu leisten. Nachdem er sich wie geheissen im Bottich erleichtert habe, hätten die Kumpel ihn feierlich zur Tat beglückwünscht. Ab jetzt sei er einer von ihnen, sei ihm beschieden worden. Diese Mutprobe habe Tradition, jeder Neuling müsse sie bestehen, sie selbst hätten in früheren Jahren auch schon in die kochende Konfitüre gepinkelt. Dies alles erzählte mir der Musiker am Frühstückstisch, während er sich seelenruhig ein Brötchen mit Butter bestrich.
«Das gibt es doch gar nicht!», entfuhr es mir. «Natürlich gibt es das, ich weiss nur allzu genau, wovon ich rede. Deswegen habe ich dich gefragt, ob du deine Konfitüre wirklich essen willst.» Hinterher weiss ich nicht mehr, was mich dazu angetrieben hat, an jenem Morgen gleich mehrere Konfitüreportionen zu verspeisen.
Vielleicht wollte ich meinem Gegenüber damit beweisen, dass ich die Geschichte nicht glauben konnte. Es wäre allerdings auch denkbar, dass ich seine Geschichte doch geglaubt habe. In diesem Fall wäre mein exzessiver Konfitürenkonsum an jenem Morgen als eine Art selbstauferlegte Mutprobe zu interpretieren. Im Hinterher weiss ich selbst nicht mehr so recht, was mich getrieben hat. Sicher weiss ich nur, dass ich seither beim Anblick von Konfitüre immer an diese Geschichte denken muss.
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