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22. Mai 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Mit zwölf PS und zwei Propellern in eine neue Ära

Errungenschaften der Technik

Ausschnitt aus der Skizze eines Vogelflügels von Otto Lilienthal. (Bild: PD)Zoom

Ausschnitt aus der Skizze eines Vogelflügels von Otto Lilienthal. (Bild: PD)

Robin Schwarzenbach

Erfinder sind gut beraten, die Feuerprobe eines Prototyps ausreichend festzuhalten. Gustav Weisskopf – oder Whitehead, wie sich der deutsche Einwanderer in den USA nannte – setzte vor allem auf die Presse, als er im Sommer 1901 in Connecticut zum Erstflug in einem motorisierten Eindecker ansetzte. Der «Bridgeport Herald» berichtete ausführlich über das Ereignis. Demnach lag die Maschine über eine halbe Meile in der Luft, bevor sie aus rund 15 Metern Höhe sicher zu Boden glitt. Indes: Ganz authentisch war die Berichterstattung nicht. Fotoaufnahmen, die die Flugfähigkeit der Konstruktion hätten beweisen können, wurden keine publiziert. Ob sich das Gerät, wie von Whitehead vorab behauptet, tatsächlich manövrieren liess, erscheint ebenso zweifelhaft.

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Auftrieb im Gegenwind

Bei einem anderen Versuch ist die Quellenlage eindeutig. Am 17. Dezember 1903 startete die «Flyer I» von Orville und Wilbur Wright bei Kitty Hawk an der Küste von North Carolina zu ihrem Jungfernflug. Dieser Test dauerte 12 Sekunden. Noch am gleichen Tag gelang es, den Apparat eine knappe Minute über Boden zu halten. Angetrieben von einem 4-Zylinder-Benziner mit 12 PS beziehungsweise von 2 Propellern, erreichte das Motorflugzeug eine Höchstgeschwindigkeit von 48 Kilometern pro Stunde; die zurückgelegte Strecke mass 260 Meter – die Wright-Brüder hatten ein neues Kapitel in der Aviatik aufgeschlagen. – Die Lage am Atlantik war kein Zufall. Denn die Bauweise der «Flyer I» orientierte sich im Wesentlichen an den Gleiter-Konstruktionen, mit denen die Wrights an gleicher Stätte bereits erfolgreiche Flugversuche unternommen hatten. Dabei handelte es sich um Doppeldecker, die sich die windigen Verhältnisse in Meeresnähe zunutze zu machen wussten. Holzrahmen reduzierten das Gewicht; die Tragflächen bestanden aus gewobenen Textilien. Die Flügel hatten keine ebene Form, sondern sie waren leicht gewölbt. Auf diese Weise konnte der in der Luft entstehende Auftrieb optimal genutzt werden. Gegenwinde mittlerer Stärke verstärkten diesen Effekt. Nicht anders war die Witterung bei der Premiere der «Flyer I» im Dezember 1903.

Auf dem Weg zum ersten Motorflugzeug der Welt vollzogen die beiden amerikanischen Ingenieure somit den entscheidenden Schritt. Die theoretische Grundlage dazu lieferte jedoch ein anderer: Otto Lilienthal. Der deutsche Maschinenfabrikant hatte sich in den 1880er Jahren intensiv mit der Segeltechnik bestimmter Vogelarten auseinandergesetzt und dabei auch umfangreiche Messungen zu Papier gebracht.

Besonders interessierte sich Lilienthal für die Flügel der gefiederten Tiere. Von ihm stammt auch die Erkenntnis, dass ein gewölbter Flügel den grösseren Auftrieb erzeugt als eine ebene Fläche. Als Ingenieur gelangte Lilienthal denn auch zur Überzeugung, dass ein vom Menschen konstruiertes Fluggerät einem ähnlichen Prinzip zu folgen habe. Seine eigene Leidenschaft für das Fliegen bezahlte er allerdings teuer: 1896 stürzte er, nachdem er in den Jahren zuvor in über 2000 Versuchen unversehrt geblieben war, mit einem selber gebauten Hängegleiter in den Tod.

Den Wright-Brüdern blieb ein solches Schicksal erspart. In einem Punkt aber bewegten sich die Amerikaner durchaus auf den Spuren Lilienthals. Anders als viele (vermeintliche) Flugpioniere der vorletzten Jahrhundertwende vertrauten sie nicht der Trial-and-Error-Methode. Sie strebten vielmehr nach einem Konzept, das es ihnen erlaubte, ein funktionstüchtiges Flugzeug zu bauen. Dieser Ansatz schloss fundierte Recherchen mit ein, und bei diesen Arbeiten stiessen die beiden Brüder auch auf die Erhebungen von Lilienthal.

Höhen-, Seiten-, Querruder

Orville und Wilbur Wright verstanden es, in Systemen zu denken. So verfügte die «Flyer I» über ein Höhenruder, ein Seitenruder und ein damit verbundenes Querruder, mit dem die Stellung der Tragflächen entsprechend verändert werden konnte. Das machte die Maschine kontrollierbar, wenngleich es noch zwei Jahre dauerte, bis mit einem verbesserten Modell die ersten kompletten Manöver geflogen werden konnten. Die volle Anerkennung in der Öffentlichkeit wurde den Wrights allerdings erst 1908 zuteil, als sich die amerikanischen Streitkräfte und auch die Europäer für ihre Doppeldecker zu interessieren begannen.


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