14. November 2010, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Klatsch und Tratsch am Arbeitsplatz
Aus der HRM-Forschung
Anja Feierabend, Lehrstuhl HR-Management, Universität Zürich
Seien Sie ehrlich: Haben Sie schon einmal am Arbeitsplatz über andere Arbeitskollegen getratscht? Wenn ja, sind Sie damit nicht allein: 96 Prozent der Beschäftigten geben zu, regelmässig am Arbeitsplatz zu tratschen. Obwohl Klatsch und Tratsch in unserer Gesellschaft grundsätzlich als unanständig und unmoralisch gelten, ertappen wir uns dennoch ab und zu dabei, wie wir über andere schwatzen.
Neuste Forschungsergebnisse enthüllen nun, dass Klatsch und Tratsch durchaus positive und aus Unternehmenssicht wünschenswerte Effekte hat. So kann Tratschen am Arbeitsplatz hilfreich sein, insbesondere dann, wenn die Firma in der Krise steckt und Informationen zurückgehalten werden. Wird mit anderen Arbeitskollegen geklatscht, kann dies Angstgefühle reduzieren und Personen helfen, mit Unsicherheit umzugehen. Klatsch bedeutet den Informationsaustausch zwischen zwei Personen über eine dritte, abwesende Person. Dabei werden oft wertende Informationen weitergegeben. Beispielsweise wird bei einem Zwiegespräch am Arbeitsplatz darüber getratscht, wer als Trittbrettfahrer, Zugpferd oder Traumtänzer gilt. Durch den Tratsch kann sich in der Belegschaft ein gemeinsames Normverständnis bezüglich einer adäquaten Arbeitsleistung bilden. Dies kann sich wiederum positiv auf die Gesamtproduktivität der Belegschaft auswirken.
Oft wird Klatsch gar nicht genutzt, um andere Personen anzuschwärzen, sondern um sie zu loben. Bleibt beispielsweise jemand extra länger im Büro, um einem Kollegen zu helfen, und erzählt man dies am nächsten Tag einem anderen Arbeitskollegen, ist dies ein typisch positiver Tratsch. Giuseppe Labianca, Professor für Management und soziale Netzwerke an der Kentucky-Universität, konnte in seiner Studie zeigen, dass 72 Prozent der Klatschgespräche am Arbeitsplatz gleichermassen aus positivem und negativem Tratsch bestehen. 21 Prozent sind mehrheitlich positiv und nur 7 Prozent ausschliesslich negativ gefärbt.
Der Versuch von Führungskräften, Klatsch am Arbeitsplatz zu unterdrücken, ist oft ein Ding der Unmöglichkeit. Insbesondere negativ gefärbter Klatsch ist meist ein Symptom von grösseren organisationalen oder personalen Problemen, weshalb deren Lösung im Vordergrund stehen sollte. Eine verbesserte Kommunikation und erhöhte Transparenz sind wirkungsvolle Mittel, um in der Belegschaft Vertrauen zu schaffen und Unsicherheiten zu reduzieren. Tratschen auch Führungskräfte? Die Studie von Labianca zeigt, dass Mitarbeitende mit Vorgesetztenfunktion ebenfalls angeben, ab und zu zu tratschen. Gemäss Labianca sind Klatschinformationen für Führungskräfte essenziell, um ihre Arbeit gut ausführen zu können. Zudem seien Klatschpartner für Vorgesetzte wichtige Agenten, indem sie ihre Ansichten in der Belegschaft verbreiteten.
Alles in allem kann Klatsch am Arbeitsplatz durchaus von einer positiven Seite betrachtet werden. Erhält der Klatsch jedoch eine allzu negative Färbung, sollten Arbeitgeber Klatsch als Symptom eines grösseren organisationalen oder personalen Mangels erkennen und das eigentliche Problem zu lösen versuchen.
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