19. März 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Kindergärtnerin – kein Kinderspiel
Arbeiten in Schweden
Ingrid Meissl Årebo, Korrespondentin der NZZ in Schweden
Ein typischer Montagmorgen in einer typischen schwedischen Kindertagesstätte: Maria begrüsst in der Eingangshalle eine Zweijährige, um sie herum simulieren drei Fünfjährige lautstark ein Autorennen, ein Mädchen will wissen, wann es Znüni gibt, und aus der Toilette schreit jemand: «Ich bin fertig.» Was vielen schon beim Lesen Schweissausbrüche bereitet, ist für die 52-Jährige normaler Alltag. Zusammen mit zwei bis drei Kollegen betreut sie 23 Kinder, von denen viele frühmorgens kommen und erst spätnachmittags abgeholt werden.
Früher hiessen die Kinderkrippen «Tagesheime» und machten genau das: den Kinder ein Heim bieten, während ihre Eltern arbeiteten. Auch heute wird der Kindergarten salopp «Dagis» (abgeleitet von Tagesheim) genannt, heisst seit 1998 aber Vorschule, ist dem Bildungsministerium unterstellt und hat umfassende pädagogische Aufgaben. Laut dem revidierten Lehrplan soll die Vorschule lustig, sicher und lehrreich sein, die Basis für lebenslanges Lernen legen und gleichzeitig Grundwerte wie Toleranz, Solidarität und Gerechtigkeit vermitteln. Die freiwillige Einrichtung ist beliebt: Die Hälfte aller Kinder tritt mit eins in die Vorschule ein, bei den Zweijährigen werden bereits über 91 Prozent ausser Haus betreut.
Trotz der enormen Verantwortung und den nicht minder hohen Erwartungen vieler Eltern erfährt das Vorschul-Personal oft zu wenig Wertschätzung. Nicht alle haben begriffen, welchen Wandel der Beruf durchlaufen hat. «Wir machen mehr als ein bisschen Spielen, Füttern, Trösten und Windelnwechseln», sagt eine Pädagogin. Die verschlechterten Finanzen vieler Gemeinden führten zudem zu grösseren Kindergruppen bei weniger Personal, was den Stress erhöht. Da es sich um einen klassischen Frauenberuf handelt – nur 3000 der 93 000 Pädagogen sind Männer –, ist das Lohnniveau nicht sehr hoch. Dabei studieren Vorschul-Pädagogen wie Grundschullehrer dreieinhalb Jahre an der Hochschule, verdienen aber bis zu einem Zehntel weniger.
Im Dagis sind auch viele Kinderbetreuer mit kürzerer Ausbildung beschäftigt, bei Personalmangel oder für Stellvertretungen werden oft Personen ohne adäquate Ausbildung eingestellt. Um die Qualität zu verbessern, wird ab Sommer ein Ausweis für ausgebildete Pädagogen mit Praxiserfahrung eingeführt. Wer zu wenig qualifiziert ist, muss sich weiterbilden, um eine feste Stelle in einer Vorschule zu erhalten. Dies kann neben dem Status auf Zeit auch die Löhne heben. Zudem sorgt die Eröffnung privater Kindergärten für Konkurrenz. Einige neue Vorschulen versuchen mit deutlich aufgebesserten Löhnen Personal anzulocken.
Die Wunschliste von Maria und ihren Kollegen ist bescheidener. Mehr Mittel von der Gemeinde, um den Personalbestand aufzustocken, stehen zuoberst, sind aber derzeit ausgeschlossen. Vielleicht sind aber einige Kronen übrig, um Druckerpapier und neue Farbpatronen zu kaufen?
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