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13. November 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Ist Frauenarbeit Nutzniesserin der Globalisierung?

Arbeiten in Indien

Arbeiten in Indien - Ist Frauenarbeit Nutzniesserin der Globalisierung? (Bild: istock)Zoom

Arbeiten in Indien - Ist Frauenarbeit Nutzniesserin der Globalisierung? (Bild: istock)

Bernard Imhasly, Mumbai

Strassenbaustellen gehören in Indien nach vier Monaten Monsun genauso zum Alltag wie die Verkehrsbehinderungen auf Schweizer Strassen zu Beginn des Sommers. Abschrankungen zwingen zum Einbahnverkehr, und neben den Einweisungspfeilen steht oft noch ein Schild aus Kolonialzeiten: «Men at work». Und tatsächlich, es sind Männer auszumachen im Bautrupp – oben auf dem Roller sitzt einer, ein anderer bedient den Asphaltsprüher, ein dritter winkt den Verkehr durch. Und natürlich sind die Aufseher, leicht erkennbar an ihren Safari-Anzügen, männlichen Geschlechts.

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«Men at work» sind Frauen

Doch es sind Frauen, die im Staub stehen und das Gros der «Men at work» stellen – auf jeden Mann, so zähle ich, kommen vier Frauen. Sie laden Schotter von den Ladebühnen in Körbe um, sie tragen sie auf dem Kopf zu den Schlaglöchern, betätigen die Rechen, klopfen den Kies fest und wischen am Schluss die Strasse wieder sauber. Zwischendrin schauen sie rasch nach ihren Kindern, die auf den Sandhaufen am Rand der Strasse spielen. Und statt einer Mittagspause füttern sie diese mit Reis und Dal, welche sie am frühen Morgen zubereitet haben.

Männliche Archetypen

Sobald der Verkehr wieder läuft, geht der Blick auf die Reisfelder. Auch hier ist Erntezeit, nachdem das Regenwasser verdunstet oder versickert ist. Und auch hier sieht man bereits an den Kleiderfarben der Feldarbeiter, dass Frauen die Garben schneiden – so wie sie vier Monate zuvor die Setzlinge gesteckt hatten. Sie werden später im Vorhof ihrer Häuser den Reis dreschen, das Stroh unter die Kühe legen und diese wahrscheinlich auch melken, bevor sie für die Familie die Mahlzeit zubereiten. Die einzige Rettung vor der Fron scheint auch hier in der Mechanisierung zu liegen. Doch auch wenn der Reis mit einem Traktor geerntet oder mit einem Drescher enthülst wird, sind es Männer, die die Maschinen bedienen. – Wie bei den «Men at work» ist das Bild, das sich die indische Gesellschaft von der Bauernsame macht, geprägt von einem männlichen Archetyp, und wie im Deutschen «Bäuerin» die «Gattin des Bauern» ist (und nicht so sehr eine Berufsfrau), so ist «Mahila Kisan» die eheliche Gefährtin des Bauern. Inzwischen weiss man, dass das Gegenteil der Fall ist – zumindest, was die Arbeit angeht. Eine kürzlich von der FAO präsentierte Studie hat gezeigt, dass in der Hügelregion des indischen Himalaja Frauen mehr Landarbeit ausführen als Männer – mit 3485 Stunden pro Hektare fast dreimal so viel wie die Männer mit 1212 Stunden (und dreieinhalbmal so viel wie die 1064 Stunden eines Ochsenpaars). Gemäss NSSO, der nationalen indischen Statistikbehörde, liegt der Anteil der Frauenarbeit in der Landwirtschaft von 23 Gliedstaaten (insgesamt sind es 28) zwischen 55 und 66 Prozent.

Schwieriger rechtlicher Status

Doch dieser hohe Satz spiegelt sich weder in den Einstellungen der Gesellschaft zur subsidiären Rolle der Frau im Arbeitsprozess noch in ihrem rechtlichen Status. Noch immer gibt es, mangels eines zentralstaatlichen Gleichberechtigungsgesetzes, zahlreiche Gliedstaaten, die Landtitel nur anerkennen, wenn sie von Männern gehalten werden. Ein Think-Tank im Gliedstaat Orissa ging der Frage nach, warum Frauenbetriebe in der Regel weniger produktiv sind. Einer der Gründe ist der erschwerte Zugang zu Bankkrediten wegen der unsicheren Rechtslage über den Bodenbesitz.

Die gängige These, dass Globalisierung auch eine Feminisierung der Arbeit mit sich bringt, mag stimmen – aber auch auf eine perverse Art. Gemäss NSSO-Daten ist der Anteil der Lohnarbeit von Frauen in den indischen Städten im Zeitraum zwischen 1993 und 2009 (also einhergehend mit der Liberalisierung der Wirtschaft) von 28 auf 46 Prozent gestiegen, mit einer starken Senkung der unbezahlten Arbeit und der selbständigen Arbeit. Verbesserter Schulzugang der Mädchen sowie die starke Zunahme der Nachfrage von typisch urbanen Mittelklasse-Dienstleistungen wie Gesundheits- und Hauswirtschaftsdiensten verschaffen Frauen heute häufig Löhne, die jenen der Männer nahekommen.

Auf dem Land dagegen, wo immer noch 60 Prozent der Bevölkerung leben, ist Lohnarbeit für Frauen nur von 2,7 auf 4,4 Prozent gestiegen. Die unbezahlte Arbeit in der Landwirtschaft ist dagegen, statt mit zunehmender Bildung zu sinken, noch gestiegen, von 73 auf 75 Prozent. Der Grund: Immer mehr Männer gehen in die Städte, um dort zu arbeiten. Die Frau bleibt zu Hause und muss nun, neben Haushalt und Kindern, auch noch zum Hof und zu den Feldern schauen. In verschiedenen Regionen Indiens sind viele Dörfer ausschliesslich Frauenhaushalte. Nur zur Saatzeit kommt der Mann zurück, um das Privileg des Säens, ein archetypisches Symbol patriarchalischen Denkens, auszuüben.


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