3. April 2010, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Individuen oder Gruppen führen?
Aus der HRM-Forschung
Gudela Grote, ETH Zürich, Gastlehrstuhl HR-Management, Universität Zürich
In Zeiten des Individualismus wird Vorgesetzten gepredigt, dass sie den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten ihrer Mitarbeitenden gerecht werden müssten. Vorgesetzte sollen massgeschneidert Angebote und Erwartungen formulieren, Unterstützung bieten und ihren Führungsstil variieren. Untersuchungen haben bestätigt, dass solchermassen individualisierte Führungsbeziehungen zu besserer Leistung und mehr Zufriedenheit bei den Mitarbeitenden führen. Allerdings wurde in diesen Untersuchungen üblicherweise danach gefragt, in welchem Ausmass sich jeder oder jede Einzelne individuell gut behandelt gefühlt habe, nicht aber gruppenbezogenes und individualisiertes Führungsverhalten in seiner Effektivität verglichen.
Dies wurde nun in einer Studie von Joshua B. Wu, Assistenzprofessor in Management der Universität von Miami, und seinen Kollegen erstmalig getan. Dabei zeigte sich, dass Gruppenleistung durch individualisierte Führung negativ beeinflusst wird. Mitglieder aus 70 Arbeitsgruppen in 8 Firmen verschiedener Branchen wurden zum erlebten Führungsverhalten befragt sowie ihre Gruppenleistung durch die jeweiligen Vorgesetzten eingeschätzt. Es wurden gruppenbezogenes Verhalten – Visionen aufzeigen und Inspiration und Motivation in der Gruppe fördern – sowie individuelle emotionale und aufgabenbezogene Unterstützung beurteilt. Je stärker das gruppenbezogene Führungsverhalten ausgeprägt war, desto grösser waren die Identifikation der Mitglieder mit der Gruppe, die erlebte Wirksamkeit der Gruppe und die Gruppenleistung. Je grösser die Unterschiede im Verhalten gegenüber einzelnen Gruppenmitgliedern waren, desto geringer waren die Identifikation mit der vorgesetzten Person, die erlebte eigene Wirksamkeit und die Gruppenleistung.
Die Studie zeigt, dass im Bemühen, jedem Einzelnen gerecht zu werden, nicht die Gruppe als Ganzes aus den Augen verloren werden sollte. Allerdings wurde nicht berücksichtigt, wie viel die Mitglieder der Gruppe konkret miteinander arbeiten müssen, wie stark sich die Gruppenmitglieder in Leistungsfähigkeit und -bereitschaft unterscheiden und wie eigenständig die Gruppe und ihre Mitglieder arbeiten. Auch wurde bei der individuumsbezogenen Führung nur geschaut, wie gross die Unterschiede in der wahrgenommenen Unterstützung waren, nicht aber, ob sich jede Person in dem Mass unterstützt fühlte, wie sie es benötigte.
Trotz diesen Einschränkungen bleibt als wichtige Botschaft bestehen, dass Vorgesetzte die doppelte Aufgabe haben, die Gruppe als Ganzes zu inspirieren wie auch die einzelnen Gruppenmitglieder zu fördern. Gängige Führungsinstrumente wie Führen mit Zielvereinbarung unterstützen eher die individualisierte Führung und können den Gruppenzusammenhalt sogar bedrohen, wenn individuelle Ziele so formuliert werden, dass sie gruppeninterne Konkurrenz erzeugen. Hängt die Leistung von der Zusammenarbeit und gegenseitigen Unterstützung in der Gruppe ab – was wohl meistens der Fall sein dürfte –, muss Führung immer auch die ganze Gruppe ansprechen und anspornen.
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