12. März 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Hörhilfe – Ein kleines Alphorn im Ohr
Errungenschaften der Technik
Werner Knecht
Zum skurrilen Erscheinungsbild der Berner Aristokratin Elisabeth de Meuron (1882 – 1980) trug auch ihr altertümliches, an ein kleines Alphorn erinnerndes Hörrohr bei. Diese Hörhilfe avancierte – zusammen mit ihrem ebenfalls markanten, breitrandigen Hut – zum eigentlichen Markenzeichen Madame de Meurons. Im Gegensatz zum Hörrohr-Ungetüm sind die heutigen, volldigitalen Hörgeräte praktisch unsichtbar – dank der unaufhaltsamen Miniaturisierung.
Seit dem 17. Jahrhundert
Erstmals eingesetzt werden Hörrohre im 17. Jahrhundert, wobei ihr Trichter den Schall immerhin um etwa 20 bis 30 Dezibel zu verstärken vermochte. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Hörgeräte, parallel zum Siegeszug der Telefontechnik, leistungsfähiger. 1878 hatten Schwerhörige erstmals Zugriff auf einen für sie entwickelten Telefonhörer, dann folgten – noch vor der Jahrtausendwende – sogenannte Telefonhörgeräte, die allerdings mit zahlreichen gravierenden Mängeln (schlechte Tonqualität, voluminöse Batterien und kompliziertes Handling) behaftet waren. Die in den zwanziger Jahren aufkommenden Röhren-Tischgeräte brachten dank individuell einstellbaren Verstärkungen der Frequenzbereiche zwar einige Vorteile, waren aber nicht massentauglich.
Zu revolutionären Entwicklungsschüben kam es ab den fünfziger Jahren, als der Vormarsch der Elektronik kleinere Hörgeräte und grössere Leistungen erlaubte. So schrumpfte das vor 60 Jahren übliche Westentaschenformat des Hörgeräts kontinuierlich – bei gleichzeitiger Explosion des Leistungsspektrums und der Modellvarietäten. Dem ersten, 1966 auf dem Weltmarkt eingeführten Im-Ohr-Hörgerät folgten in analoger Technik gefertigte Hörgeräte mit drei Kanälen, bis der heutige, individuell programmierbare Digitalstandard erreicht wurde.
16 Millionen Transistoren
Die Im-Ohr-Geräte bringen es auf rund zehn Prozent des gesamten Marktvolumens weltweit, der Löwenanteil entfällt indes auf die Hinter-dem-Ohr-Geräte. Einen technologischen Quantensprung brachte die jüngste Hörgeräte-Generation: Sie ermöglicht de facto die grösste Rechnerleistung pro Stromverbrauch innerhalb aller industriellen Anwendungsfelder. So implementierte der schweizerische Marktführer Phonak mit Sitz in Stäfa im Herbst 2010 den sogenannten Spice-Chipsatz der neusten Mikrochips-Technologie. Hier sind 16 Millionen Transistoren in einer 65-Nanometer-Chip-Technologie verpackt, was einem Abstand der kleinsten Strukturen auf dem Chip von lediglich 65 nm entspricht. Neben der bis dato grössten Speicherkapazität und einer Leistung von mehr als 200 Millionen Rechenoperationen pro Sekunde ermöglicht dies eine neue Spitzenleistung.
Die Hörhilfe im Ohr
Was folgt weiter in diesem dynamischen Markt? Luca Mastroberardino, Geschäftsführer Phonak Schweiz, nennt als wichtigste aktuelle Trends die drahtlosen Technologien sowie die anhaltende Miniaturisierung. «Wir erleben das völlige Verschwinden der Hörhilfe ganz im Ohr.» Der lebhafte Wettbewerb sowohl zwischen den Herstellern als auch unter den Akustikern, so der Phonak-Schweiz-Chef, heize die Innovationsfreude in bestem Sinne an.
Auffallend ist die zunehmende Angebotskonzentration auf unterschiedliche Zielgruppen. Als starken Trend beobachtet man auch die optimierte Anbindung der Hörgeräte an TV, PC, MP3-Player oder Mobiltelefon. Besondere Hoffnungen ruhen auf den modernen FM-Systemen, die aus Sender und Empfänger bestehen und das Signal kabellos vom Sprecher direkt auf das Hörgerät des Zuhörers übertragen. Dieses noch nicht voll ausgeschöpfte System erlaubt eine bessere Identifizierung und klareres Verstehen von Stimmen innerhalb unterschiedlichster Situationen – an Sitzungen, bei Gesprächen mit Einzelpersonen in Gruppen oder auch in Klassenzimmer-Umgebungen.
«So ghöre i nume, was i wott»
Das wachsende Produktportfolio an digitalen Hörsystemen und ergänzenden Funklösungen zeugt von der Innovationskraft der Branche. Unverändert gilt indes Madame de Meurons Erkenntnis, dass das Hörgerät dank selektiver Informationsaufnahme die Lebensqualität optimiert. Ihr Kommentar zur Möglichkeit, es bei Bedarf auszuschalten: «So ghöre i nume, was i wott.»
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/nachrichten/startseite/hoerhilfe__ein_kleines_alphorn_im_ohr_1.9859961.html







Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.