23. Januar 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Fordern und fördern im «neuen Europa»
Arbeiten in Rumänien
Rudolf Hermann, Korrespondent der NZZ in Prag
Gleich zwei Telefone sind es – und sie sehen erst noch recht smart aus –, die Cristian Copil vor sich auf den Tisch legt, als er zum Gespräch erscheint. Doch handelt es sich nicht – oder zumindest nicht nur – um klassisches Manager-Imponiergehabe der neuen Zeit. Es sind erstens quasi die Produkte, die er selber zu bauen mithilft, wenn es auch im rumänischen Cluj-Napoca (Klausenburg) nicht die Geräte aus den Top-Linien sind, die hergestellt werden. Und zudem spielt Copil zwei Rollen, eine als Arbeitnehmer und eine als Gewerkschafter, so dass er auch einen objektiven Grund beibringen kann, weshalb er für jede von ihnen ein Handy mit sich herumträgt.
Über seinen Arbeitgeber, den finnischen Marktführer bei den Geräten, ohne die in der industrialisierten Welt heute fast niemand mehr leben will, kann Copil nur das Beste berichten – in beiden seiner Rollen. Es war eine kleine Revolution, als der Nokia-Konzern beim Dorf Jucu, 20 Kilometer ausserhalb von Cluj, 2008 einen Produktionsbetrieb aufbaute, der bis zu 5000 Personen Arbeit geben würde. Zwar kam dann die globale Krise dazwischen, so dass die Fertigung noch nicht mit voller Kapazität läuft. Doch haben 1500 Festangestellte und weitere 1500 Arbeiter mit Zulieferverträgen ein Auskommen gefunden in einer Region, die bisher nur wenig Möglichkeiten bot.
Copil selbst ist ein typisches Beispiel. Wie viele andere stammt er zwar aus einem technischen Beruf, nicht aber direkt aus der Branche. Dennoch bewarb er sich und erhielt eine Stelle, für die er dann zuerst im Detail ausgebildet wurde. Er vermochte die Chance zu packen und sich hochzuarbeiten. Er habe viel gelernt in den letzten drei Jahren, erklärt er, gerade etwa, was Arbeitsdisziplin, Pünktlichkeit und Qualitätsbewusstsein angehe. Und er war motiviert zu lernen: An einem modernen, angenehmen Ort und in sauberer Umgebung zu arbeiten und unter einem guten Arbeitgeber, sei in Rumänien nicht alltäglich.
Der Nokia-Konzern entlöhnt dabei in Cluj nur entsprechend dem ortsüblichen Branchendurchschnitt. Mehr drängt sich auch nicht auf, denn es gibt einen Nachfrageüberhang nach Arbeit. Doch gelte es zu bedenken, sagt Copil, nun auch in seiner zweiten Rolle als Gewerkschafter, dass der Lohn lediglich einen Teil des Wohlbefindens am Arbeitsplatz ausmache. Nokia biete zusätzlich Benefits wie Transport und Verpflegung an und sei darüber hinaus ein seriöser Arbeitgeber.
Was das wert ist, stellen bisweilen diejenigen fest, die von ihrer bei Nokia oder einem anderen internationalen Konzern gewonnenen Zusatzqualifikation zum «Job-Hopping» verleitet werden. Das Phänomen ist verbreitet, führt bisweilen aber zu harten Landungen. Man könne auf dem Arbeitsmarkt schon einen besseren Lohn erzielen, meint Copil, aber dieser nütze nur dann etwas, wenn er auch ausbezahlt werde. Für seinen Teil bleibt er deshalb lieber dort, wo er ist.
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