1. Oktober 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Fokus aufs Bankpersonal in unteren Etagen
Arbeitswelt: Banken
Werner Knecht
Ob der schweren Turbulenzen in den Banken, die dieser Tage vorab die Führungsriege und das obere Kader ins grelle öffentliche Rampenlicht gerückt haben, sind die erst vor wenigen Wochen angekündigten Stellenreduktionen des «Bodenpersonals» bedauerlicherweise fast wieder in Vergessenheit geraten. Tatsache aber ist, dass die zum Teil ruppigen fundamentalen Rahmenbedingungen für das Bankenumfeld unabhängig von den personellen Veränderungen an Konzernspitzen und in höheren Chargen ihren Tribut an der Basis fordern. Zu diesen ruppigen Rahmenbedingungen zählen vorab die weiterhin heftigen Verwerfungen an den Finanzmärkten, sinkende Margen in diversen Bankgeschäften und auch die zahlreichen bilateralen Baustellen im Steuerstreit mit andern Staaten.
All dies ist mit ein Grund, weshalb in den nächsten Monaten ein wohl einschneidender Arbeitsplatzabbau in der Bankbranche stattfinden wird. Teils haben die Bankinstitute den heiklen Vorgang bereits selbst kommuniziert, teils treffen sich auch lediglich die Analysten approximativ in folgendem Szenario: Bis Ende 2012 wird der Abbau schätzungsweise rund 10 Prozent aller zurzeit 108 000 hierzulande beschäftigten Bankangestellten die Stelle kosten. Der Einschnitt ist nun umso tiefer, als in Korrelation mit der eher milden konjunkturellen Grosswetterlage die Geldinstitute noch im ersten Halbjahr 2011 einen leichten Anstieg des Personalbestandes verzeichnen konnten. Für das zweite Semester hingegen erwartet die Branche nun gemäss einer Umfrage der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg), die uns vorliegt, im besten Fall noch eine stagnierende Beschäftigung.
Insbesondere die Grossbanken wollen die Kostenschraube anziehen und versuchen so, ihre Effizienz zu steigern. Die Kommunikationsabteilung der CS kommentiert auf Nachfrage den geplanten Abbau von landesweit rund 500 Stellen allerdings wie folgt: «Dies sind keine Entlassungen, betroffene Mitarbeitende werden lediglich freigestellt.» Damit würden bei der CS auch keine blauen Briefe verschickt, wie betont wird. Die UBS indes geht auf Anfrage davon aus, «dass es in der Schweiz zu rund 400 Entlassungen kommen kann». Beide Grossbanken befinden sich laut kongruenten Aussagen zurzeit in einem Konsultationsprozess mit den Arbeitnehmervertretungen und hoffen, dass die meisten Betroffenen entweder intern oder auch extern wieder eine neue Stelle finden werden.
Zu berücksichtigen gilt es bei solchen «Hochrechnungen», dass sich der angekündigte Personalabbau auch auf bankenfremde Berufsgruppen wie etwa auf IT- oder Versicherungsspezialisten erstrecken wird. Diese Berufsleute dürften auch ausserhalb des Bankensektors wesentlich leichter eine neue Anstellung finden als das Stammpersonal – wenn sie nicht sogar den Schritt in die Selbständigkeit wagen wollen.
Eine Frage der Kompetenzen
Was aber empfehlen die sich mit dem Personalabbau befassenden Verantwortlichen bei UBS und CS den Betroffenen konkret? Sie raten praktisch unisono zu einer gezielten Stellensuche unter Berücksichtigung breiter gefasster eigener Kompetenzen. Als zentral eingestuft werden ferner individuelle und überzeugende Bewerbungsunterlagen sowie eine gründliche Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche, um so trotz angespannter Lage Erfolg zu haben. Mit Verlaub: Viel mehr als Gemeinplätze sind das nicht. Immerhin: Beide Grossbanken wollen den betroffenen Mitarbeitenden über mehrere Monate umfangreiche Unterstützung bei der Stellensuche zugestehen – die CS auch bei der Suche ausserhalb der Bank. Mit dazu gehörten auch Angebote zur Aus- oder Weiterbildung sowie zu Umschulungen, ist zu vernehmen. Zur Verfügung stehen dafür offenbar verschiedene Unterstützungs-Tools sowie professionell ausgebildete Coach-Teams, welche die vom Abbau Betroffenen vor Ort betreuen.
Ob und in welchem Umfang andere Geldinstitute die bei CS und UBS ausscheidenden Mitarbeitenden engagieren, ist indes noch völlig offen. Vieles hängt hier davon ab, ob sie personell Aufstockungsbedarf haben oder ob sie nicht aufgrund des sich verschärfenden Umfelds selbst zum Personalabbau gezwungen werden. Einen zentraler Unsicherheitsfaktor bilden diesbezüglich die Auswirkungen der starken stabilitäts- und geldpolitischen Eingriffe der jüngsten Zeit, die erst noch je nach Geschäftsmodell variieren. Einer ungehinderten Personalaufstockung ebenfalls wenig förderlich sind die wachsenden regulatorischen Vorgaben.
Regulatorisches Korsett
So gibt etwa die Clientis-Regionalbankengruppe auf Anfrage unumwunden zu, dass für sie der Druck auf die Zinsmarge auch personell die grösste Herausforderung bleibt. Dessen ungeachtet haben einige der zum Vertragskonzern gehörenden Institute im ersten Halbjahr zusätzliches Personal eingestellt, hauptsächlich in der Kundenberatung. Rolf Zaugg, Verwaltungsratspräsident der Clientis AG, geht aber davon aus, dass der Konsolidierungsprozess bei den Geldinstituten noch nicht abgeschlossen ist: «Für die eine oder andere Bank wird sich die Frage nach der idealen Grösse stellen, um langfristig erfolgreich zu bleiben.» Zaugg sieht auch die Erweiterung der Vertriebsgebiete oder Zusammenschlüsse als gangbare Lösungen an, damit lokale und regionale Institute die kritische Grösse auch in widrigem Umfeld erreichen können.
Auch kleinere Privatbanken dürften vom Transformationsprozess innerhalb des Bankensektors stark betroffen sein und allenfalls ihres zentralen Business-Umfelds verlustig gehen – mit entsprechend negativen Folgen für den Personalbestand. Wie weit die schrittweise Erosion bisher stabiler Geschäftsfelder gehen wird, ist allerdings im Augenblick kaum genau abzuschätzen.
Was die «Grosswetterlage» der Branche betrifft, gibt man sich trotz der teilweise heftigen Verwerfungen an vielen Fronten bei der Schweizerischen Bankiervereinigung zuversichtlich und attestiert dem hiesigen Finanzplatz eine gute Zukunft. Froh ist man, wie SBVg-Präsident Patrick Odier versichert, dass die mit Grossbritannien und Deutschland geschlossenen Steuerabkommen womöglich Modellcharakter erhalten. In jedem Fall, so Odier, habe die Schweiz damit ein grosses bilaterales Problemfeld dauerhaft lösen können.
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