29. Mai 2010, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Familienorientierte Personalpolitik
Aus der HRM-Forschung
Anja Feierabend, Lehrstuhl HR-Management, Universität Zürich
Die moderne Belegschaft schliesst eine Vielzahl von unterschiedlichen Beschäftigtengruppen mit spezifischen Bedürfnissen und Ressourcen ein. Der Grossteil der Work-Family-Balance-Angebote in Firmen konzentriert sich jedoch vor allem auf die Bedürfnisse einer Beschäftigtengruppe: arbeitstätiger Eltern. Viele Studien zeigen, dass ein Ungleichgewicht zwischen Arbeits- und Familienleben bei arbeitstätigen Vätern und Müttern zu höherem Stress bis hin zu Burnout, tieferer Arbeitszufriedenheit, geringerem Commitment und vermehrtem Absentismus führt. Diesen negativen Folgen versuchen viele Firmen mit unterschiedlichen Angeboten, wie beispielsweise verlängertem Mutterschaftsurlaub, Vaterschaftsurlaub, Betreuungs- und Beratungsangeboten, entgegenzuwirken.
Neben arbeitstätigen Eltern gibt es jedoch auch andere Beschäftigtengruppen, wie arbeitstätige Singles oder Beschäftigte mit pflegebedürftigen Angehörigen. Diese Gruppierungen geraten bei der Ausgestaltung von Work-Family-Balance-Angeboten oft in Vergessenheit, obwohl sie aufgrund der demografischen Entwicklung in industrialisierten Ländern zunehmen. So zeigt sich gemäss dem Bundesamt für Statistik, dass 2009 in der Schweiz 23 Prozent der Frauen zwischen 35 und 44 kinderlos waren, in den Städten sind dies sogar 38 Prozent. Es herrscht somit eine zunehmende Single- bzw. No-Child-Family-Kultur vor. Weiter zeigen Erhebungen, dass zwischen 10 und 20 Prozent der Beschäftigten betagte Eltern oder Angehörige mit Behinderung pflegen und somit nicht Kinder im Fokus von deren Familienleben stehen.
Welche Wirkung haben Work-Family-Balance-Angebote auf solche Beschäftigtengruppen, welche keinen direkten Nutzen davon haben? Dieser Frage wurde mit Hilfe der Daten des Schweizer HR-Barometers 2010 nachgegangen. 1400 Schweizer Beschäftigte wurden zu ihrer Familiensituation und der familienorientierten Personalpolitik in ihrem Unternehmen befragt. Die Arbeitnehmenden gaben darüber Auskunft, inwieweit Leistung, Kommunikation und Kultur in ihrem Unternehmen familienorientiert sind.
Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Dimensionen Leistung, Kommunikation und Kultur einer familienorientierten Personalpolitik unterschiedliche Auswirkungen auf die jeweiligen Beschäftigtengruppen haben. Familienunterstützende Leistungen wie Betreuungsangebote haben einzig einen positiven Effekt auf die Work-Life-Balance der arbeitstätigen Eltern. Eine familienunterstützende Kultur und Kommunikation beeinflusst dahingegen das Commitment aller Arbeitnehmenden positiv und senkt die Kündigungsabsicht in der gesamten Belegschaft.
Insgesamt scheint für Firmen eine umfassende, familienorientierte Personalpolitik wichtig, damit sich die Investition in kostenintensive Betreuungsangebote lohnt. Nur wenn neben den Leistungen auch die Kommunikation und die Kultur familienfreundlich sind, fühlt sich die ganze Belegschaft angesprochen und der Firma verbunden. Eine umfassende Familienorientierung wirkt somit womöglich als positives Signal für alle Mitarbeitergruppen, welches Loyalität und Vertrauen vermittelt.
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