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6. November 2010, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Ethik im Nebel von Anglizismen

Begriffe aus dem HRM - Wortgut

Wortgut - Managementethik (Bild: istock)Zoom

Wortgut - Managementethik (Bild: istock)

Bruno Staffelbach, Inhaber Lehrstuhl HR-Management Universität Zürich

Managementaufgaben wären um einiges einfacher, wenn moralische Fragen ausgeklammert werden könnten. Dies ist aber illusorisch. Unternehmen sind keine Naturprodukte. Sie sind von Menschen geschaffen, und Menschen prägen sie mit ihren Vorstellungen des Guten, Gerechten und Vernünftigen – sie prägen sie mit ihrer Moral. Diese ist je länger, je weniger selbstverständlich. Im internationalen Geschäft treffen verschiedene Moralsysteme aufeinander, Grenzwertforscher reizen moralische Normen aus, und die Diversität von Werten und Ansprüchen provoziert die Frage, was denn gut, gerecht und vernünftig sei. Gesucht sind Qualitätsnormen für die Moral: Ethik.

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Mit «Ethik» sind unterschiedliche Erwartungen verbunden. Die einen assoziieren Ethik mit Orientierung – analog einem Kompass – und versprechen sich eine bessere Bewältigung der Optionsfülle heutigen Lebens. So ist Ethik ein Substitut für Religion und Ideologie. Andere weisen der Ethik eine Vermittlungsfunktion zu; wichtig in unserer Welt der Vielfalt von Interessen. In dieser Sicht ist Ethik Mediation und Methodik zur Stabilisierung multikultureller Gesellschaften. Für Dritte bedeutet Ethik «Erziehung» und «Lenkung auf bestimmte Werte». Ausgangspunkt bilden Fälle moralischen Versagens. Ethik heisst dann, den Entscheidungsträgern Anstand, Spielregeln und guten Geschmack beizubringen. Eine vierte Gruppe meint mit Ethik «Regulierung» und verbindet damit die Einhaltung bestimmter Regeln und die Verpflichtung auf Normen. Ethik hat hier etwas mit Fremdbestimmung, Gehorsam und Compliance zu tun .

In der gegenwärtigen Sprachwelt der Managementpraxis hat sich über das Wort «Ethik» ein Nebel von Anglizismen gebreitet: Business-Ethics, Sustainability, Corporate Citizenship, Corporate Social Responsibility (CSR). Gemeinsam ist allen Begriffen, dass das Unternehmen nicht einfach nur als eine ökonomische Privatangelegenheit seiner Eigentümer oder Exponenten angesehen wird. Inhaltlich geht es dabei darum, die selektive Sicht auf finanzielle Ziel- und Steuergrössen um eine ökologische und soziale Optik zu erweitern. Organisatorisch stehen die Governance-Regeln des Unternehmens – beziehungsweise seine Führungsstrukturen und -prozesse – hinsichtlich Transparenz, Accountability und Entscheidungseffizienz im Vordergrund. Und personell geht es um die Einstellung und Haltung der Menschen im Unternehmen, insbesondere um ihre Integrität und Glaubwürdigkeit.

Alle rufen nach Moral. Das Angebot war noch nie so breit. In unserer medialen Welt floatet sie frei. Aus einem breiten Sortiment kann jede und jeder sein eigenes Moral-Portfolio zusammenstellen. Moral kann man kaufen («Faire Preise»), ansparen («Ethische Fonds») und kompensieren («Spende für NGO»). Moral wird zum Werbemittel für Produkte, Leistungen und Arbeitsplätze, zum Argument im politischen Prozess, zum strategischen Mittel. Dadurch gewinnt Moral Macht, und Macht macht Moral. Hier zeigt sich der Nutzen ethischer Theorien: Sie bringen Qualitätsmassstäbe in die Flut unterschiedlicher Moralvorstellungen, sie machen kritisch gegenüber der Inszenierung von Moral, sie machen unabhängig von der Verführung durch moralische Autoritäten, und sie sensibilisieren für Rhetorik in moralischen Diskursen.


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