24. Juli 2011, NZZ am Sonntag / NZZexecutive
Erste Führungsrolle
Aus der HRM-Forschung
Ralph Lehmann, Lehrstuhl HR-Management, Universität Zürich
«Früher lief alles in gewohnten Bahnen. Ich hatte meinen Alltag im Griff und kontrollierte meinen Tagesablauf selbst. Nun sind es andere, die über meinen Terminkalender entscheiden. Ich muss dauernd präsent sein, bekomme meine früheren Kollegen kaum mehr zu sehen und habe das Gefühl, es allen recht machen zu müssen.» Die Rede ist nicht vom ersten Kind, sondern von der ersten Führungsfunktion. Junge Führungskräfte erleben die erste Führungsverantwortung häufig als grosse Herausforderung, die einen bedeutenden Einfluss auf ihre weitere berufliche Entwicklung hat.
Eine Studie am Lehrstuhl Human-Resources-Management der Universität Zürich ist der Frage nachgegangen, wie junge Führungskräfte ihre erste Führungsfunktion erleben und welche Herausforderungen dabei entstehen. Befragt wurden 20 Führungskräfte aus einer Dienstleistungs- und einer Produktionsbranche. Im Ergebnis zeigt die Untersuchung, dass die Herausforderungen der ersten Führungsfunktion in vier Bereichen liegen.
Der Wechsel von der Fach- zur Führungsfunktion verändert die Ansprüche, die an einen Mitarbeiter gestellt werden. Was zählt, ist nicht mehr die eigene Leistung, sondern die Leistung des Teams. Gefragt ist nicht mehr Selbstmanagement, sondern das Management von anderen. Junge Führungskräfte haben oft Mühe, Aufgaben zu delegieren, weil sie es gewohnt waren, die Verantwortung selber wahrzunehmen. – Der Rollenwechsel vom Kollegen zum Vorgesetzten bedeutet, dass sich mit der Funktion auch die soziale Rolle in der Organisation verändert. Plötzlich wird man als Führungskraft wahrgenommen und gehört nicht mehr zum Kreis der Kollegen. Man erhält nur noch selektives Feedback, und im Pausenraum wird es still, wenn man eintritt. Junge Führungskräfte tun sich oft schwer mit der unerwarteten Einsamkeit, versuchen es allen Mitarbeitenden recht zu machen und drücken sich um unpopuläre Entscheide.
Die erste Führungsfunktion bringt eine Vielzahl von teilweise widersprüchlichen Erwartungen mit sich. Mitarbeitende beanspruchen persönliche Freiräume und haben kein Verständnis für organisatorische Rahmenbedingungen. Die Vorgesetzten verlangen, dass die Ziele erreicht werden, und Kollegen erwarten Unterstützung in gemeinsamen Anliegen. Junge Führungskräfte neigen dazu, sich in all diesen Erwartungen zu verzetteln und die strategischen Aufgaben zu vernachlässigen.
Erste Führungsfunktionen stellen eine grosse Belastung dar. Junge Führungskräfte haben oft das Gefühl, als Chef alles besser wissen zu müssen, und fürchten sich vor dem Versagen. Sie fühlen sich unter Beobachtung und haben den Eindruck, ständig Vorbild sein zu müssen. Sie trauen sich nicht, Rat und Unterstützung von ihren Vorgesetzten zu holen, weil sie befürchten, dass diese das Vertrauen verlieren oder sie schlecht beurteilen könnten.
Dabei zeigt es sich, dass gerade die direkten Vorgesetzten einen wesentlichen Einfluss auf den Lernprozess bei jungen Führungskräften haben können, indem sie als Vorbild und Coach dienen, Unterstützung bieten und ihre Erfahrungen weitergeben. Als wertvoll erweisen sich zudem Trainings und Seminare, die die Reflexion der praktischen Führungserfahrungen unterstützen, der Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen und das Feedback von Mitarbeitenden. Führung kann gelernt werden, so wie man die Elternrolle lernen kann. Der Einstieg in die neue Funktion bedeutet indes meist eine grosse Herausforderung.
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/nachrichten/startseite/erste_fuehrungsrolle_1.11591672.html







Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.