18. Juni 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Kaugummi – ein industrialisiertes Urbedürfnis
Errungenschaften der Technik
Daniel Meierhans
Was dem Hund der Knochen, ist vielen Menschen der Kaugummi: ein Instrument, um ihr repetitives Kaubedürfnis zu stillen. Dieses scheint nicht nur tief in unserem Verhalten verwurzelt zu sein, sondern auch vielfältigen gesundheitlichen Nutzen zu bringen. Zumindest lassen die Kaugummihersteller nichts unversucht, um die Vorteile einer regelmässigen Kieferbewegung zu untermauern.
Baumsaft als Basis
Der bis in die Anfänge des modernen Menschen zurückreichende Nachweis von Substraten, auf denen über längere Zeit herumgebissen wurde, legt nahe, dass hinter dem Kaugummikauen tatsächlich mehr steckt als ein blosser Zeitvertreib. Als Kaumasse standen je nach Klima unterschiedliche Baumharze zur Verfügung. Während man im Norden auf Birkenharzen herumbiss, wurde rund um das Mittelmeer bereits im Altertum das Harz der Mastix-Pistazie bevorzugt – noch heute die Basis für die türkischen Lokum-Süssigkeiten.
Die Indianer Südamerikas kauten seit mehreren tausend Jahren «Chictli», den verfestigten Saft des Breiapfelbaumes. Die von den Spaniern Chicle genannte Masse bildete auch die Grundlage für die Entwicklung des Kaugummis zum Massenprodukt. In den 1860er Jahren erwarb der amerikanische Händler Thomas Adams grössere Mengen Chicle vom mehrmaligen mexikanischen Staatspräsidenten Antonio López de Santa Anna, der sich zu dieser Zeit in New York im Exil befand. Adams wollte damit einen Ersatz für den damals für industrielle Produkte stark gefragten Kautschuk entwickeln. Nachdem alle seine Versuche, aus Chicle Gummistiefel oder Reifen herzustellen, fehlgeschlagen waren, besann er sich der ursprünglichen Anwendung der Masse und begann 1869 auf deren Basis geschmacksneutrale und bereits streifenförmig portionierte Kaugummis zu fertigen.
Der «Adams New York Gum No. 1» entwickelte sich innert kurzer Zeit zu einem Verkaufsrenner, und Adams industrialisierte die Herstellung seiner Streifen schon 1871 mit der Errichtung der ersten Kaugummifabrik. Durch die Einführung von Geschmacksversionen, von Verkaufsautomaten und schliesslich durch den Zusammenschluss der sechs grössten nordamerikanischen Hersteller zur American Chicle Company erarbeitete sich der Tüftler bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine einträgliche Monopolstellung. Heute gehört das zuvor von der Chemiefirma Warner-Lampert übernommene Unternehmen zu Kraft Foods. Die ursprünglichen, natürlichen Harze und Baumsäfte wurden als Kaugummibasis in der Zwischenzeit zum grössten Teil durch petrochemische Kunststoffe abgelöst.
In Europa wurde Kaugummi nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die amerikanischen Soldaten populär. Nachdem 1939 eine Studie zum Schluss gekommen war, dass Kaugummikauen die Konzentration fördere, begann die US-Armee damit, ihre Angehörigen im grossen Stil mit den süssen Streifen zu versorgen.
Im Zeichen der Leistungsgesellschaft und des Wellness-Zeitgeists zielt das Marketing der Hersteller auch gegenwärtig wieder in erster Linie auf die physiologischen und psychologischen Vorteile des Kauens. Kaugummis sollen die Zähne pflegen und bleichen, bei der Raucherentwöhnung helfen, das Fasten unterstützen, Mundgeruch bekämpfen, einen Energie-Kick geben, Übelkeit bekämpfen oder die Hirntätigkeit anregen.
Der positive Einfluss des Kauens beruht zur Hauptsache auf der Erhöhung der Speichelproduktion und auf einer indirekt verbesserten Durchblutung des Gehirns. Zudem hilft die regelmässige Bewegung bei der Konzentration, indem sie aktiv und damit wach hält sowie hilft, störende Umgebungsreize auszufiltern.
Nebenwirkungen
Nicht ganz unproblematisch sind die heute in praktisch allen Kaugummis für einen länger anhaltenden Geschmack eingesetzten Zuckeraustauschstoffe und künstlichen Süssstoffe. Sie können in grossen Mengen zu Bauchschmerzen oder Durchfall führen und werden zum Teil auch mit Allergien und Krebs in Verbindung gebracht.
Zahnärzte billigen dem zuckerfreien Kaugummi unter dem Strich durchaus positive Wirkungen zu. Allerdings begegnen sie in ihren Praxen auch immer wieder weniger erfreulichen Ergebnissen eines exzessiven Kauens in Form von schmerzhaften Muskelproblemen im Kieferbereich.
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