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30. Januar 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Eine Frage der Balance

Arbeitskraft - Katharina Faber

(Bild: iStock)Zoom

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Nein, Angst würde er es nicht nennen. Respekt – und gelegentlich ein mulmiges Gefühl, wenn er auf einem hohen, steilen Dach auf der Leiter arbeitet und jede Bewegung, jeden Arbeitsgang genau überlegen muss. Die Werkzeuge dürfen nicht abrutschen. Wenn ihm dann die Wolken am Himmel rasend schnell entgegenkommen, als wollten sie ihn mitnehmen, und ganz nahe über ihn hinwegziehen, dann spürt er einen matten Abglanz jenes Schwindels, der ihn als Lehrling vor vielen Jahren auf den Scheunendächern seines Dorfs so heftig überfallen hatte. Es genügte ja nicht, irgendwie oben zu bleiben, wenn man von der Leiter stieg: Er sollte dort in luftiger Höhe arbeiten, nicht durch die Latten und Balken in den Abgrund starren. – Die meisten Leute wissen gar nicht, was ein Bauspengler eigentlich macht: Er fasst das Wasser, das aufs Dach regnet, und führt es ab, er falzt aus flachem Blech Rohre, Rinnen, Einfassungen für Fenster, Kamine, Zinnen. Eigentlich meine er immer Kupfer, wenn er von Blech rede – er hebt den eingebundenen Zeigefinger hoch, den habe er sich beim Löten von Zinkblech verbrannt. «Wir schneiden in meiner Werkstatt alles ab Rolle am Boden», sagt er lakonisch. Er meint von Hand, mit der Durchlaufschere. Natürlich seien die Maschinen der Grossbetriebe theoretisch schneller, aber in den Grossbuden stünden die Leute dann erst einmal herum, und damit sei die gesparte Zeit auch wieder verloren. Die Bleche werden mit Seilen aufs Dach gehievt und dort mit dem Holzkeil auf der Beugekante geklopft, in Form gebracht. Eine schöne Arbeit? Er lächelt: «Wunderschön.» Nach der Meisterprüfung und einer Dachdeckerlehre erfüllte er sich seinen Traum vom kleinen Handwerksbetrieb, wo der Meister mit dem Arbeiter das Beste macht, nicht das Schnellste und nicht das Billigste. Auch knifflige Probleme auf undichten Flachdächern löst. Dann arbeiten sie mit dem Bitumenbrenner über Stunden, er geht hierfür neuerdings lieber in die Hocke, als immer nur zu knien, mit 62 Jahren leistet er sich solche Extravaganzen. Er ist sehnig, nur ein paar Kilo schwerer als die Rolle Dachpappe, die er auf die Leiter nimmt. Handwerkskunst sei auch was fürs Auge, sagt er. Die Ecken der Lukarnen rund geschnitten und rund gefalzt, wie es sich gehört. Die Deckstreifen schraubt er nicht irgendwie an die Fassade, der Schraubenabstand muss stimmen, auch wenn keiner hinschaut. Er sieht es. Und das hat sich herumgesprochen, bei den grossen Verwaltungen und den Hausbesitzern in den Quartieren der Stadt. Abends schreibt er alles von Hand in sein Journal. Bereitet den nächsten Tag vor. Koordiniert die kleinen Reparaturen mit den grossen Aufträgen. Koordiniert immer besser im Alter. Arbeitet immer ruhiger. Hat auf den Dächern die Ängste seiner Jugend abgelegt, Freunde gefunden. Nun gut, die Balance zwischen dem Privatleben und dem Geschäft sei wohl das Schwierigste . . . Er lacht, nickt. – Wenn er morgens wieder irgendwo hinaufsteigt, hält er die Balance. Mühelos.

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