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5. November 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Ein Blick durchs Fenster

Arbeitskraft - Pedro Lenz

Arbeitskraft (Bild: iStock)Zoom

Arbeitskraft (Bild: iStock)

Pedro Lenz

Der Mann heisst nicht Heinz, aber möglicherweise ist es besser für ihn, wenn wir ihn hier so nennen. Heinz war einmal Briefträger. Das ist lange her. Vor Jahren hat er von der Briefpost zur Paketpost gewechselt. Irgendwann begannen ihn die Arme zu schmerzen, dann der Rücken, die Kniegelenke, die Hüften, eigentlich fast alles, was einem weh tun kann. Er ging zu den Ärzten, zu vielen Ärzten, bis er schliesslich eine Teilrente zugesprochen bekam. Nun arbeitet er noch vier Stunden am Tag. Die Post hat ihm eine neue Aufgabe zugeteilt, in einer Abteilung, in der die Briefe landen, die nicht zugestellt werden können. Wenn er abends in die Kneipe geht, machen die Freunde zuweilen einen Spruch. «So Heinz, hast du deine Empfänger heute gefunden?», fragen sie etwa. Worauf Heinz leicht gereizt antwortet, er habe schon tausend Mal erklärt, dass er meistens nicht die Empfänger suche, sondern eben die Absender.

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Die Couverts mit Fenster

Ist nämlich ein Brief aufgrund der Angaben auf dem Umschlag nicht zustellbar, muss Heinz ihn öffnen, um allenfalls herauszufinden, wer den Brief verschicken wollte. Doch nachdem ein Brief auf der Post geöffnet worden ist, geht er nicht mehr an den Empfänger, sondern zurück an den Absender. «Ich erkläre es euch gerne ein weiteres Mal. Geöffnete Briefe werden immer zurückgeschickt!»

Ob es denn viele Briefe gebe, auf denen die Adresse nicht zu entziffern sei, fragt einer in der Runde. «Handschriften, die sich nicht entziffern lassen, sind das kleinste Problem», sagt Heinz, «das Problem sind die Fenster.» – «Die Fenster?» – «Ja, die Fenster!» Die Freunde warten, weil sie wissen, dass Heinz sich nach der Arbeit nicht gerne drängen lässt. Erst nimmt er einen tiefen Schluck vom frisch gezapften Bier, dann wischt er sich mit dem Handrücken den Schaum von den Lippen, und erst danach erklärt Heinz die Sache mit den Fenstern: Heute müsse alles schneller und effizienter gehen, nicht nur in den Betrieben, nein, auch in den Büros, dort ganz besonders. Und deshalb geschehe es immer öfter, dass ein Lehrling, eine Sachbearbeiterin oder zum Beispiel ein Anwalt die fertigen Briefe verkehrt in die Couverts stecke. «Wenn es sich um ein Couvert mit Fenster handelt», doziert Heinz weiter, «dann hat so ein Fehler natürlich Folgen. Ich sehe dann durch so ein Fenster irgendetwas, bloss nicht die Adresse des Empfängers. Also muss ich die betreffenden Briefe öffnen und herausfinden, wer sie abgeschickt hat.»

«So furchtbar schwierig kann das nicht sein», hänselt ihn einer, «der Absender steht meistens auf dem Briefkopf. Das weiss sogar ich.» – «Und wenn er nicht dort steht?», fragt Heinz. Und weil niemand sofort antwortet, fährt er befriedigt fort: «Seht ihr, genau das meine ich. Wenn der Absender nicht dort steht, dann muss ich ihn anders herausfinden, das ist mein Job.» Die Runde am Kneipentisch scheint sich an diesem Abend vorgenommen zu haben, Heinz ein wenig aus der Reserve zu locken. Er soll doch nicht so ein Aufheben um seine Arbeit machen. Entweder stehe auf einem Brief ein Absender, oder es stehe kein Absender drauf. Das sei alles, was es dazu zu wissen gebe. Und er möge jetzt bitte nicht so tun, als sei sein Job besonders knifflig.

«Drücken Sie die Taste zwei»

Ein bisschen resigniert streckt Heinz die schmerzenden Hände von sich. «Ihr wollt einfach nicht verstehen, worum es geht. Ich gebe euch ein Beispiel. Ein Patient erhält einen Brief von seiner Krankenkasse, aber der Brief wurde irrtümlich so in den Umschlag gesteckt, dass er nicht zustellbar ist.» – «Dann machst du ihn auf, siehst, welche Krankenkasse es angeht, und schickst den Brief an die Krankenkasse zurück. Voilà. Was soll daran speziell sein?» Noch einmal macht Heinz eine Kunstpause, bevor er antwortet: «Schaut Freunde, eine Krankenkasse ist ja heutzutage keine Krankenkasse mehr, sondern ein kleiner Staat. Da gibt es mindestens ein halbes Dutzend Adressen. Regionalagenturen, Direktionen, Care-Management, Controlling, Customers-Service, Sales-Service und was weiss ich noch was. Wenn du nicht mehr weiterweisst, kannst du natürlich anrufen und dich erkundigen. Aber dann kommen die Automaten, die dir sagen, welche Taste du drücken sollst. Und wenn du da endlich einmal eine Person aus Fleisch und Blut am Draht hast, dann ist sie genau für deine Frage nicht zuständig.

Es bleibt nur Hoffen

Also gut, und jetzt liegt also der geöffnete Brief vor mir auf dem Schreibtisch, ein Brief voller Absender, und niemand kann mir sagen, wo er hin soll.» – «Und was tust du in so einem Fall?» – «Hoffen», sagt Heinz, «ich sende den Brief zurück an eine der vielen Absenderadressen und hoffe, dass das Antwortschreiben der betreffenden Krankenkassenabteilung, das meine Stelle darauf hinweist, der Fall betreffe eine andere Abteilung, nicht verkehrt ins Fenstercouvert gesteckt wird.»


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