30. April 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Dünner gewordene Umschläge
Arbeiten in Griechenland
Thomas Fuster, NZZ-Korrespondent für Südosteuropa
In Griechenland besteht der Arbeitslohn bisweilen nicht nur aus jenem Betrag, der fein säuberlich auf dem Lohnausweis notiert ist. In einigen Berufsgattungen wird das Gehalt noch durch ein sogenanntes Fakelaki aufpoliert. Gemeint ist damit in wörtlicher Übersetzung ein «kleiner Umschlag», der in nicht zu knappem Mass mit Geldscheinen gefüllt sein sollte. Die diskrete Überreichung solcher Umschläge beschleunigt in Griechenland, wie anderswo wohl auch, manches Geschäft, sei es im öffentlichen oder privaten Sektor.
Nun scheint diese Unsitte aber etwas an Bedeutung zu verlieren. Eine Umfrage des griechischen Büros von Transparency International (TI) bei über 6000 Personen kommt jedenfalls zum Resultat, dass in Alltagssituationen die «petty corruption» – dies als Abgrenzung zur «grand corruption» auf hoher politischer oder gesellschaftlicher Ebene – im Jahr 2010 erstmals seit vielen Jahren leicht zurückgegangen ist. Hatten 2009 rund 13,4 Prozent der befragten Haushalte von solchen Korruptionsfällen berichtet, waren es 2010 noch 10,4 Prozent.
Wie Costas Bakouris, der Vorsitzende von TI-Griechenland, im Gespräch erklärt, sind zwei Entwicklungen für den Rückgang verantwortlich: Zum einen sei im Zug der griechischen Schuldenkrise eine wachsende Sensibilität gegenüber den schädlichen Folgen der Korruption feststellbar, was hoffnungsvoll stimme. Zum anderen fehle es angesichts der landesweiten Sparmassnahmen auch schlicht an Geld und Gelegenheiten zur Korruption, zum Beispiel in der Bauwirtschaft, wo seit Ausbruch der Krise kaum noch neue Projekte in Angriff genommen würden.
Doch in welchen Berufen sind die ominösen Kuverts noch immer weit verbreitet? Auf dem Podest der drei korruptesten Berufsgattungen standen 2010 im öffentlichen Sektor die Angestellten aus dem Gesundheitswesen, die Steuerbeamten und die für Baugesuche verantwortlichen Behörden. Im privaten Sektor liessen sich Spitalangestellte, Anwälte und Ärzte mit eigener Praxis am häufigsten ein Fakelaki zustecken. Für eine Operation in einem öffentlichen Spital wird zwischen 150 und 7500 Euro an Schmiergeld verlangt, ein «Arrangement» mit einem Steuerbeamten kostet 300 bis 15 000 Euro und eine Baubewilligung 200 bis 9000 Euro. Addiert man diese Zahlungen hoch, wurden 2010 laut TI etwa 632 Millionen Euro an «petty corruption» bezahlt, davon 394 Millionen an Staatsdiener und 238 Millionen an Privatpersonen. Im Jahr 2009 hatte die Schätzung für die Gesamtsumme noch auf 787 Millionen Euro gelautet. Ist damit eine Wende feststellbar? Bakouris bleibt skeptisch: Für einen tiefgreifenden Sinneswandel vermisst er noch positive Rollenvorbilder auf politischer Ebene. Dennoch, offenkundig scheint, dass auch Fakelaki unter der Krise leiden und das Erzielen eines illegalen Zusatzverdienstes vielerorts schwieriger geworden ist.
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