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12. März 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Die Schwierigkeiten der Einfachheit

Arbeitskraft - Pedro Lenz

Arbeitskraft - Die Schwierigkeiten der Einfachheit (Bild: istock)Zoom

Arbeitskraft - Die Schwierigkeiten der Einfachheit (Bild: istock)

Ein paar Bekannte sitzen in gemütlicher Runde beisammen. Der letzte Gast trifft ein und entschuldigt seine Verspätung mit einem unverhofften Auftrag, den er habe erledigen müssen. Da alle Anwesenden wissen, dass der, der verspätet eingetroffen ist, als Fotograf arbeitet, fragen sie ihn, was er denn habe fotografieren müssen. Der Fotograf mag es nicht besonders, wenn er in der Freizeit auf seinen Beruf angesprochen wird. In dieser Beziehung geht es dem Fotografen ein bisschen wie den Lehrerinnen oder den Ärzten. Weil fast jeder einmal zur Schule ging, glaubt fast jeder mit Lehrerinnen und Lehrern über den Lehrerberuf reden zu müssen. Und weil fast alle schon irgendwann beim Arzt waren, glauben fast alle, Ärzte täten selbst in ihrer Freizeit nichts lieber, als detaillierte Krankengeschichten ihrer Mitmenschen anhören.

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Fotografieren tun praktisch alle, besonders jetzt, wo in jedem noch so kleinen Gerät eine Fotokamera eingebaut ist. Der Umstand, dass er einer beruflichen Tätigkeit nachgehe, die von immer mehr Leuten ganz nebenbei betrieben werde, mache ihm das Berufsleben immer schwerer, klagt der Fotograf. Die Leute, die er für die Zeitung porträtieren müsse, hätten oft ganz genaue Vorstellungen davon, wie ihr Porträt auszusehen habe. Sie erteilten ihm Ratschläge, stellten ständig Fragen und wollten die Ergebnisse alle paar Minuten auf dem Display nachprüfen. Da nütze es wenig, den Abgebildeten seine Sichtweise oder seine Absicht erklären zu wollen. Zuweilen trauere er deshalb der mechanischen Zeit nach. Damals habe nur er allein in der Dunkelkammer gesehen, wie seine Bilder geworden seien. Das Entwickeln der Fotos habe für Laien etwas Geheimnisvolles gehabt. Die Arbeit im Labor habe seinen Status als Fachmann unterstrichen. Heute dagegen verstünden immer weniger Leute, welche Fähigkeiten sein Beruf erfordere.

Dafür könne er heute seine Bilder mit ein paar wenigen Tastenklicks der Redaktion senden, das erspare ihm doch eine Menge Zeit und Ärger, wenden die Bekannten ein. Der Fotograf winkt ab. Klar seien digitale Bilder schneller druckfertig, sagt er. Aber es sei ebenso klar, dass die gewonnene Zeit nicht ihm gehöre. Je schneller ein Bildauftrag technisch zu bewältigen sei, desto mehr Aufträge müsse er in der gleichen Zeit ausführen.

Der Fotograf erklärt, einst sei er ein Jäger des Augenblicks gewesen. Seine Arbeit habe eine künstlerische Komponente gehabt. Inzwischen komme er sich eher wie ein Diener vor, der Bestellungen aufnehme und lauter Leute bediene, die seinen Beruf mindestens so gut zu verstehen glaubten wie er selbst. Er könne von jedem Bild in einer Zeitung sagen, ob ein Profi oder ein Amateur es gemacht habe, behauptet der Fotograf. Nur nütze ihm dieses Wissen nichts, weil ihn niemand danach frage. Der einfachere Zugang zur Fotografie, den die digitale Technologie gebracht habe, sei vielleicht ein Segen für die andern. Ihm selbst jedoch bringe die Erleichterung in mancher Hinsicht eine Mehrbelastung.


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2 Leserkommentare:
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LeO Paierl (21. März 2011, 03:38)
"Die gute alte Zeit"

Ich kann Herrn Lenz sehr gut verstehen. Auch mir macht es keinen besonderen Spass mehr. Wie er bereits sagte, wissen immer alle alles besser.
Was waren das noch für Zeiten, als ich mit meiner Sinar im Gebirge herumturnte, um ein besonderes Foto zu erarbeiten. Arbeiten im wahrsten Sinne des Wortes. Anschliessend im Labor ging es dann weiter.
Wer weiss heute noch, wie ein Platin- oder Bromöldruck entsteht. Was waren das für schöne Momente, wenn man(n) dann das fertige Werk vor sich hatte; Rahmen selber machen und Passpartout selber schneiden. Das war noch handwerkliche Kunst. Ich wünschte mir, die Leute hätten mehr Verständnis dafür und würden ihre Weisheiten für sich behalten.
Viele Grüsse LeO-Friedl

Sam H. Goldstein (17. März 2011, 17:15)
Sinkendes Niveau

Es betrifft auch Journalisten. Nachdem viele Blogger ihre Sicht der Welt in oft wirrer Sprache kundtun, stellen die Zeitschriften Redakteure ein, deren Deutsch ebenso abenteuerlich ist, wie deren Unkenntnis von Recherche.
Die meisten Leser merken eh nicht mehr, wenn lediglich widersprüchliche Agenturmeldungen publiziert werden, die einer Nachprüfung nicht standhalten.
Aber so ist es eben: Auch Heimwerker produzieren Schrott und nehmen den gelernten Handwerkern die Arbeit weg....

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