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25. Juni 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Die Karte von 1939

Arbeiten in Frankreich

Arbeiten in Frankreich (Bild: istock)Zoom

Arbeiten in Frankreich (Bild: istock)

Manfred Rist, NZZ-Korrespondent in Paris

Zu den Schlüsselerlebnissen meiner Jugendzeit gehörte das Entfalten der Weltkarte von Kümmerly & Frey, Jahrgang 1939, die heute im Pariser NZZ-Büro hängt. Damals regierten die Briten noch von Peshawar bis Rangun und Jesselton. Tilsit war deutsch und lag an der Reichsgrenze zu Litauen, der Golf von Oman hiess treffend Goldräuberküste, und die Franzosen sassen – was an der violetten Einfärbung der Gebiete erkennbar ist – scheinbar sicher in Französisch-Indochina, Nordafrika, Dahomey, Madagaskar und Neukaledonien.

Das Weltreich ist, wie andere Empires, längst Vergangenheit. Doch in Paris wird man den Eindruck mitunter nicht los, dass sich die Bewohner der Hauptstadt toujours im Zentrum der Welt wähnen. Gewiss, die City of Light machte 1828 mit der Beleuchtung der Champs Elysées Furore und verdankt dem Ereignis ihren Kosenamen. Haussmann, Eiffel und die Erbauer der Métro setzten alsbald bleibende städtebauliche Akzente. Doch intra muros, eingeschnürt von einer abstossenden Ringautobahn, wirkt inzwischen vieles wie ein Museum. Die Kolonien von damals befinden sich heute gewissermassen jenseits dieser Demarkationslinie.

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An Anziehungskraft hat die Metropole, die schon 1939 gemäss Kümmerly & Frey 2,83 Millionen Einwohner zählte, nichts eingebüsst. Millionen von Touristen zwischen dem Arc de Triomphe und Montmartre, immer mehr aus China, Südostasien, Brasilien oder Russland, bevölkern in diesen Tagen Strassen, Pärke und Shops. Dass diese als Zweitsprache meist nur etwas Englisch können, ist nicht das Problem der Einheimischen. Nächstes Jahr kommen – millionenfach – wieder andere. Oft gibt es nicht einmal bei den Hauptattraktionen anderssprachige Hinweise. Französisch ist schliesslich die Weltsprache, die man in 70 Ländern spricht. – Naiv sind indessen nicht alle der zuvor auf ihre Schengen-Tauglichkeit geprüften Besucher. Vielen fällt auf, dass die Prospekte streckenweise nicht ganz mit der Realität übereinstimmen. Am Eiffelturm lässt sich zwar nicht rütteln, aber sonst zerfällt in der Stadt einiges, wie einst in Schwellenländern: Die U-Bahn in Rio de Janeiro beispielsweise ist heute sauberer als die Métro, die Flughäfen in China sind moderner als «Charles de Gaulle», die Bedienung in Vietnam oder Marokko besser, und Bettler hat es – Zeichen des wachsenden sozialen Gefälles – immer mehr, fast wie in einem Drittweltland.

Kritische Stimmen dazu gibt es natürlich auch hierzulande. Einige fragen sich mit Blick auf öffentlichen Finanzen, Desindustrialisierung, Arbeitsmarktkrise, steigendes Gefälle zwischen Arm und Reich und den bedrängten Mittelstand, ob sich die Nation etwa, von oben herkommend, auf die «Schwelle» zubewegt.

Das tönt etwas hart für ein Land, das sich immer noch als Weltmacht fühlt und mit Flair aus Low Tech Luxusmarken hervorzaubert und pflegt – und auf allen Erdteilen Départements unterhält. Diese überseeischen Territorien sind inzwischen zwar etwas dünner gesät als 1939. Aber sie existieren eben noch, garantieren, dass die Sonne über Frankreich tatsächlich nie untergeht – und tragen damit paradoxerweise vielleicht zur Weltfremdheit und Überheblichkeit unserer lieben Nachbarn bei.


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