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4. September 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Die «Griechen» im Osten

Arbeiten in Deutschland

Arbeiten in Deutschland - Die «Griechen» im Osten (Bild: iStock)Zoom

Arbeiten in Deutschland - Die «Griechen» im Osten (Bild: iStock)

Matthias Benz, Korrespondent der NZZ in Berlin

In Deutschland richtet man sich langsam darauf ein, dass die Hilfen für die Euro-Krisenländer teuer werden. Manch einer erinnert sich daran, dass man schon einmal ein riesiges Hilfsprogramm zu schultern hatte: Nach dem Zusammenbruch der DDR musste die ostdeutsche Wirtschaft mit enormem Aufwand wiederaufgebaut werden. «Osthilfe» und «Südhilfe» sind gar nicht so unähnlich. Sie beruhen im Kern darauf, dass es den betreffenden Wirtschaften an Wettbewerbsfähigkeit mangelt. Tatsächlich weckt einiges in Ostdeutschland heute noch Assoziationen mit den gegenwärtigen Problemen des «Südens». Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Abhängigkeit von Transferzahlungen gross, bei der Wettbewerbsfähigkeit hinkt man auch nach zwanzig Jahren Osthilfe noch hinter den westlichen Bundesländern her.

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Dennoch wollen die Menschen im Osten natürlich nicht als «Griechen» gesehen werden. Dafür haben sie auch gute Gründe. Zum einen war der Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft eine Notsituation, herbeigeführt durch die Verfehlungen von Planwirtschaft und Diktatur, für die die Menschen in aller Regel nichts konnten. Dazu kam die politisch motivierte, ökonomisch aber desaströse Entscheidung, im Juli 1990 den Umtauschkurs von Ost- zu Westmark bei 1:1 festzusetzen. Dies nahm den Unternehmen unverschuldet die Wettbewerbsfähigkeit und liess die Arbeitslosigkeit explodieren.

Zum andern sind die Ostdeutschen aber mit einigem Recht auch stolz auf ihre Arbeitsmoral und ihre «deutschen» Tugenden. Die Firma Butting in Schwedt, die Rohrleitungen und Behälter für die Papierindustrie baut, ist dafür ein Beispiel. Der Leiter der Montage, Marko Busse, verströmt schon mit seiner Art Solidität, Fleiss und Bodenständigkeit. Glaubwürdig legt er dar, dass man hier Wert auf harte, ehrliche Arbeit legt, dass man knapp kalkuliert und das Geld zusammenhält, dass Selbständigkeit und Selbstverantwortung der Mitarbeitenden hochgehalten werden.

Diese Werte vermag man offenbar auch der Jugend zu vermitteln. Gut zehn Lehrlinge beginnen jährlich eine Ausbildung, die meisten bleiben auch nach der Lehre. Das duale deutsche Bildungssystem wirkt sozialisierend: Früh führt es die Jugend an die oftmals unbequemen Realitäten des Arbeitslebens heran. Und Butting könne so auf natürliche Weise die zukünftigen Führungskräfte heranziehen, sagt Busse.

Die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands bietet deshalb für die kriselnden Euro-Südländer ziemlich ernüchternde Lehren. Fleiss und Genügsamkeit sind ein wichtiger Teil des Erfolgs. Daran kommt man wohl nicht vorbei, auch wenn man viel Bewunderung und Sympathie für die lockere Lebensart etwa der Spanier hegt. Dort gibt es das Sprichwort: «Wir leben nicht, um zu arbeiten, wir arbeiten, um zu leben.» Das ist sicher nicht das schlechteste Lebensmotto. Aber kann man es sich noch leisten?


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1 Leserkommentar:
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Rigo, Stephan Hammer (7. September 2011, 14:36)
Vergleich mit Pferdefuss

Sehr geehrter Herr Benz. Äpfel lassen sich bekanntlicher Weise auch nicht mit Birnen vergleichen, da die nur wenig gemeinsame Nenner aufzuweisen haben.Dieser Beitrag zeigt wieder einmal, warum es immer noch diese Ost-West, oder West-Ost Gedankenspiele in den Köpfen einiger Betonköpfe vorhanden sind.Persönlich glaube ich, dass Sie einige Hintergründe der wirtschaftlichen Vereinigung der ehemals beiden Deutschen Staaten nicht kennen.Ausserdem darf daran erinnert werden, dass der Solibeitrag allen Deutschen zu gute kommt ob Nord oder Süd, Ost und West.Und der Süden der EU ist nun wahrlich mit den Deutschen zu vergleichen. Und dies weder noch.Also was sollen derarige Artikel.Einfach nur peinlich.

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