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14. Mai 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Die ewige Suche nach dem Besseren

Arbeiten in Moskau

Arbeiten in Moskau, Die ewige Suche nach dem Besseren (Bild: iStock)Zoom

Arbeiten in Moskau, Die ewige Suche nach dem Besseren (Bild: iStock)

Ein Blick auf die Uhr zeigt: Es sind gerade noch zehn Minuten bis zum Beginn des Konzerts. Der Stau auf Moskaus Strassen ist jedoch unerbittlich. Der Weg bis zum Tschaikowsky-Konservatorium in der Uliza Bolschaja Nikitskaja ist hoffnungslos verstopft. Einem Mysterium gleich hat sich die Tradition gehalten, dass alle Theater, Konzerte und Aufführungen gleichzeitig um 19 Uhr beginnen. Exakt zu dieser Zeit wälzt sich auch der Berufsverkehr durch die Strassen Moskaus. Ein alltägliches Verkehrschaos ist vorgeplant. Es bleibt also nur, den Rest des Weges im Dauerlauf zu bewältigen.

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Leicht ausser Atem, aber rechtzeitig geht es dann in das im Jahr 1866 gegründete Konservatorium. Die Sicherheitskontrolle lässt man mit einem geübt gelangweilten Gesichtsausdruck über sich ergehen. Für Liebhaber klassischer Musik ist Moskau ein beeindruckendes Pflaster. An diesem Abend tritt der Opernstar Anna Netrebko in ihrer Heimat auf, begleitet von der Pianistin Jelena Baschkirowa. Der Andrang ist dementsprechend. Der grosse Saal mit den 14 ovalen Reliefporträts bedeutender Komponisten ist bereits gut gefüllt.

Reihe 15, Sessel 24. Jetzt beginnt aber der Stress nach der Arbeit erst recht: Der Platz ist nicht leicht zu finden, weil bereits eine junge Frau mit einem kunstsinnig schwarzen Kleid darauf sitzt. Sie räumt anstandslos den Sessel, aber nicht ohne einen verschwörerischen Blick zu einer älteren Frau zwei Reihen hinter ihr zu werfen. Mit hungrigen Augen steht die Frau auf und wirft sich auf den nächsten freien Sessel. Die Freude währt aber nur kurz, die rechtmässigen Karteninhaber tauchen auf. Die Frau geht an die Seitenlinie und sieht sich unruhig um. Das Konzert beginnt bald. Die ältere Frau, die hinter uns gesessen hat, gesellt sich zu ihrer Kumpanin. Erst jetzt wird klar, dass mehrere Leute im Durchgang stehen, in der Hoffnung, einen besseren Platz als den von ihnen erworbenen zu ergattern. Die Gruppe wird immer nervöser. Das Konzert beginnt. Anna Netrebko lächelt abwesend ins Publikum und nickt dann der Pianistin zu.

Manche der Wartenden geben auf und gehen zu ihren angestammten Plätzen, die weiter hinten liegen. Diese sind jedoch bereits teilweise von Konzertbesuchern besetzt, die Karten für einen noch schlechteren Platz erworben haben. So entsteht eine regelrechte Wanderbewegung in den hinteren Reihen. Unsere Platz-Besetzerin hat es aber geschafft, sie sitzt auf einmal sieben Reihen vor uns. Eine Person hatte wohl dringend das Konzert verlassen müssen, auch das kommt vor. Das Hütchenspiel der immerwährenden Suche nach dem vermeintlich besseren Platz würde so manch einer als Sinnbild für die gesamte russische Gesellschaft beschreiben; die Möglichkeit einer Enttäuschung ist aber inbegriffen. Wenigstens macht während des Konzerts und in der Pause niemand der Pianistin den Platz streitig.

Gerald Hosp NZZ-Korrespondent in Russland


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