9. Juli 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
«Die Erwartungen werden von Jahr zu Jahr immer grösser»
33 Fragen an Nadja Schildknecht, Geschäftsführerin Zurich Film Festival


Nadja Schildknecht, Geschäftsführerin und Co-Direktorin des Zurich Film Festival
NZZ-Executive: Frau Schildknecht, welches war Ihr Traumberuf als Kind?
Lehrerin, ich wollte anderen etwas weitergeben; und Stewardess. Ich fand die Idee, über den Wolken zu sein, sehr verlockend; heute habe ich eher Flugangst.
Was haben Sie in der Schule für das Leben gelernt?
Disziplin, Allgemeinwissen, Teamwork.
Ihr grösstes schulisches Drama?
Ich hatte starke Prüfungsangst.
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Haben Sie als Schülerin gemogelt?
Das kam vor, war aber äusserst selten.
Welche Ausbildung würden Sie nachholen, wenn Sie könnten?
Innendesign und Architektur hätte mich auch interessiert, ich bin aber ganz zufrieden, wie sich meine Berufslaufbahn entwickelt hat.
Wer hat Sie am meisten gefördert?
Es gab glücklicherweise in jedem Lebensabschnitt Menschen, die mich gefördert haben und dies auch immer noch tun.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?
Sie ist abwechslungsreich, fordernd, und ich kann etwas bewegen.
Was würden Sie als Ihren grössten beruflichen Erfolg bezeichnen?
Ein Filmfestival mitgegründet und es wesentlich mit aufgebaut zu haben. Ich hoffe, das Festival wird auch noch in 50 Jahren erfolgreich sein.
Wenn Sie an Ihr erstes Bewerbungsgespräch zurückdenken: Woran erinnern Sie sich noch?
Ich war nervös. Heute führe ich selber viele Bewerbungsgespräche und kann mir gut vorstellen, wie sich die Kandidaten fühlen.
Wie viele E-Mails beantworten Sie pro Woche?
Keine Ahnung, ich habe sie nie gezählt. Kurz vor dem Festival sind es sicher mehr als 150 Mails pro Tag.
Wie viele Stunden arbeiten Sie durchschnittlich pro Tag?
Ungefähr 12 Stunden.
Wo können Sie am besten arbeiten?
Im Büro, dort werde ich nicht abgelenkt und bin konzentriert.
In welchen Ländern haben Sie bisher gearbeitet?
In meinem früheren Beruf war ich ständig unterwegs, Paris, New York, Mailand und so weiter. Jetzt suche ich das nicht mehr und bin glücklich, in der Schweiz sein zu können – zumindest meistens.
Auf welchem Gebiet haben Sie sich zuletzt weitergebildet?
Ich bilde mich jeden Tag weiter, nicht schulisch, sondern im täglichen Leben.
Wie hoch war Ihr erster Monatslohn?
Im Jahr 1991 verdiente ich nach der KV-Lehre etwa 3500 Franken.
Welches sind die drei wichtigsten Gründe für Erfolg im Leben?
Ehrlichkeit, Leidenschaft und positives Denken.
Aus welchem Misserfolg haben Sie am meisten gelernt?
Vertrauen ist wichtig, im Geschäft ist Kontrolle aber oft besser.
Welches sind die drei wichtigsten Tugenden eines Vorgesetzten?
Die Mitarbeiter motivieren zu können, auch bei hoher Belastung für sie da zu sein, Ehrlichkeit.
Wer ist für Sie ein persönliches Vorbild?
Ich bewundere viele Menschen für das, was sie tun, und möchte dies nicht auf eine Person beschränken.
Wann bereitet Ihnen Ihre Berufstätigkeit Bauchschmerzen?
Nach dem Festival ist vor dem Festival. Jedes Jahr muss ich die Finanzierung sicherstellen, das Festival weiter vorantreiben. Die Erwartungen werden von Jahr zu Jahr immer grösser. Das kann wirklich manchmal Bauchschmerzen oder schlaflose Nächte bereiten. Aber wo ein Wille ist, ist in der Regel auch ein Weg.
Worüber ärgern Sie sich immer wieder im beruflichen Alltag?
Ärgern und freuen tue ich mich fast jeden Tag über etwas, aber das gehört bei mir dazu, ich bin ein leidenschaftlicher Mensch.
Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Ihren Mitarbeitenden?
Loyalität, Engagement und soziales Verhalten.
Wie stellen Sie Ihre persönliche Work-Life-Balance sicher?
Durch meinen Sohn Leon und meine ganze Familie.
Welche Netzwerke nutzen Sie beruflich?
Die IG Sponsoring, sonst benutze ich keine institutionalisierten Netzwerke; ich lerne viele Leute kennen und pflege meine persönlichen Kontakte und Freundschaften.
Welche persönliche Freiheit vermissen Sie am meisten?
Einfach einmal lang ausschlafen zu können. Aber eigentlich ist das gar nicht so tragisch, denn was gibt es Schöneres, als wenn man am Sonntag von seinem Kind mit einem Strahlen auf dem Gesicht geweckt wird? Die relativ begrenzte Zeit mit meinem Sohn geniesse ich deshalb umso mehr.
Kommen Sie manchmal zu spät?
Früher war ich überpünktlich; das hat leider in den letzten Jahren etwas nachgelassen. Ich gelobe Besserung!
Ihre grösste Tugend?
Mein Wille, nicht aufzugeben, wenn ich ein Ziel vor Augen habe.
Ihr grösstes Laster?
Lindt-Schokolade, Mövenpick-Ice-Cream.
Ihr Lieblingsbuch?
Die Bücher von Martin Suter lese ich sehr gerne. Ein absolutes Lieblingsbuch habe ich aber nicht, mich begeistern viele Themen. Zurzeit lese ich allerdings mehr Zeitungen als Bücher, aus Zeitgründen.
Ihr Lieblingsfilm?
Da gibt es nicht einen, sondern mehrere: «Pulp Fiction» von Quentin Tarantino, eine brillante schwarze Komödie mit einer ganz einzigartigen Bildsprache; «Dersu Uzala» von Akiro Kurosawa, ein episches Meisterwerk über das Aufeinandertreffen zweier Kulturen mit unglaublich betörenden Naturbildern; und «The English Patient» von Anthony Minghella, eine herausragende Literaturverfilmung und vermutlich der aufwühlendste Liebesfilm seit «Casablanca».
Was kaufen Sie selber ein – und wo?
Alles, was ich brauche. Dies in Fachgeschäften wie in Warenhäusern.
Welches persönliche Ziel möchten Sie noch erreichen?
Ich weiss nicht, was die Zukunft noch alles bringt. Oft hatte ich Pläne, und diese wurden kurzfristig wieder geändert. Langweilig wird es mir bestimmt nie, ich bin neugierig und vielseitig interessiert und sicherlich immer wieder bereit, eine neue Herausforderung anzunehmen. Interview: nan.
Nadja Schildknecht
Nadja Schildknecht, 37, ist Geschäftsführerin und Co-Direktorin des Zurich Film Festival, zu dessen Gründern sie 2005 gehörte. Sie ist verantwortlich für Marketing, Sponsoring, Finanzen und den Ablauf des Events. Nach einer kaufmännischen Lehre gewann Schildknecht als 20-Jährige den Modelwettbewerb «Gesicht des Jahres», worauf sie als Topmodel international Karriere machte. 2007 präsentierte sie die Sendung «Supermodel» auf dem Sender «3+». Nadja Schildknecht lebt in einer Partnerschaft und hat einen Sohn.
Am Zurich Film Festival werden jeden Herbst rund 70 internationale Filme, darunter viele Premieren, gezeigt und Filmschaffende geehrt. Das von einem 20-köpfigen Team organisierte Festival zieht rund 40 000 Besucher an. Es ist mittlerweile fester Bestandteil im Kulturkalender der Stadt Zürich.
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