5. November 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
«Die Blockflöte war nervtötend, und zur Trompete reichte es nie»
33 Fragen an Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbandes


(Bild: Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbandes)
Interview: met.
NZZ-Executive: Herr Bigler, welches war Ihr Traumberuf als Kind?
Lokomotivführer. Wie so viele Buben faszinierten mich die Eisenbahnen. Ich stand mit meinem Bruder oft an Bahnhöfen und schaute den Zügen nach.
Was haben Sie in der Schule für das Leben gelernt?
Das frage ich mich manchmal auch – wahrscheinlich vor allem die Fähigkeit, Dinge kritisch zu analysieren und zu hinterfragen.
Welches war das grösste schulische Drama für Sie?
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Ein eigentliches Drama hat sich nicht in meinem Langzeitgedächtnis eingeprägt. Hingegen gab es natürlich viele Komödien, die ich aber erst später als solche erkannt habe.
Haben Sie als Schüler gemogelt?
Natürlich, Teamfähigkeit war damals schon – wie auch heute noch – eine wichtige Sozialkompetenz.
Auf welche ausserschulische Leistung in Ihrer Jugend sind Sie noch heute besonders stolz?
Dass ich während der Schulferien in der Nachtschicht am Fliessband beim Entsteinen von Kirschen das erste Sackgeld verdient habe. Davon habe ich mir dann mein erstes Moped gekauft.
Welche Ausbildung würden Sie nachholen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Trompete spielen. Ich sollte zuerst Blockflöte lernen, was ich als nervtötend verworfen habe. Deshalb reichte es auch nie zur Trompete.
Wer hat Sie am meisten gefördert?
Meine Eltern, die mir eine gute Ausbildung ermöglicht haben, sowie meine Gattin, die viel Verständnis für meine berufliche Tätigkeit aufbringt und mich darin unterstützt.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?
Die enorm grosse Breite an unterschiedlichen Themen und die vielfältigen persönlichen Begegnungen. Aber natürlich sind auch die politischen Gestaltungsmöglichkeiten ausserordentlich faszinierend.
Was würden Sie als Ihren grössten beruflichen Erfolg bezeichnen?
Ob es der grösste war, weiss ich nicht, aber es war ein ganz wichtiger: Zusammen mit einem motivierten Team habe ich vor sechs Jahren die «Berufsmesse Zürich» aufgebaut. Diese Informationsdrehscheibe weist jugendlichen Schulabgängern den Weg zum Einstieg in die Berufslehre.
Wenn Sie an Ihr erstes Bewerbungsgespräch zurückdenken: Woran erinnern Sie sich noch?
Um einen vorteilhaften Eindruck zu erwecken, hatte ich zuvor meine Schuhe auf Hochglanz poliert.
Wie viele E-Mails beantworten Sie pro Woche?
Möglichst überhaupt keine. Denn das ist einer der fürchterlichsten Stressfaktoren.
Wie viele Stunden arbeiten Sie durchschnittlich pro Tag?
Das habe ich noch nie ausgerechnet; im Prinzip so lange wie nötig.
An welchem Ort können Sie am besten arbeiten, und warum?
Ich habe mich darauf eingestellt, überall arbeiten zu können. Damit bin ich in der Lage, die Zeit optimal zu nutzen.
In welchen Ländern haben Sie bisher gearbeitet – und wo wären Sie gerne noch tätig?
Aufgrund meines Werdegangs arbeitete ich bisher immer in der Schweiz. Das gefällt mir vorläufig auch weiterhin.
Auf welchem Gebiet haben Sie sich zuletzt weitergebildet?
In der Ernährungswissenschaft – anschliessend habe ich 15 Kilogramm abgenommen.
Wie hoch war Ihr erster voller Monatslohn?
4000 Franken, 1985 beim Schweizerischen Gewerbeverband – on revient toujours.
Welches sind Ihrer Ansicht nach die drei wichtigsten Gründe für Erfolg im Leben?
Neugier, Begeisterung für die Sache sowie das Eingeständnis, dass die eigene Haltung nicht der Massstab aller Dinge ist.
Aus welchem Misserfolg haben Sie am meisten gelernt?
Ich versuche stets, aus jedem Misserfolg die notwendigen Lehren zu ziehen.
Welches sind die drei wichtigsten Tugenden eines Vorgesetzten?
Ehrlichkeit, die Bereitschaft, nur das zu fordern, was man selber zu leisten bereit ist, sowie Respekt gegenüber seinem Umfeld.
Welche Person ist für Sie ein persönliches Vorbild?
Meine Ehefrau, sie ist die Ruhe selbst.
Welche Person ist für Sie ein berufliches Vorbild?
Ich werde täglich von vielen Menschen durch ihr Verhalten inspiriert, die damit in einem gewissen Sinne auch eine Vorbildfunktion übernehmen.
Wann bereitet Ihnen Ihre Berufstätigkeit Bauchschmerzen?
Wenn ich mich von einem Angestellten trennen muss, weil wir die gemeinsamen Ziele einfach nicht erreichen.
Worüber ärgern Sie sich immer wieder im beruflichen Alltag, und was tun Sie dagegen?
Unaufrichtigkeit in jeder Form, die dazu dient, sich selber oder Dinge in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, als sie sind. Das spreche ich direkt und offen an.
Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an Ihren Mitarbeitenden?
Die Bereitschaft, sich weit über das normale Mass hinaus mit dem Gewerbeverband zu identifizieren und persönlich einen wichtigen Beitrag zum gemeinsamen Gelingen zu leisten.
Wie stellen Sie Ihre persönliche Work-Life-Balance sicher?
Das Mittagessen am Sonntag im Kreise meiner Familie ist für mich besonders wichtig. Hier wird gegenseitig Anteil genommen, heiss diskutiert, Klatsch und Tratsch ausgetauscht und Zeit gemeinsam verbracht. Da kann ich abschalten und mich erholen.
Welche Netzwerke nutzen und pflegen Sie beruflich?
Ich pflege bewusst offene Netzwerke und suche immer wieder den Zugang zu neuen Kreisen. Damit vermeide ich einen gewissen Realitätsverlust und bleibe offen für Neues.
Welche persönliche Freiheit vermissen Sie am meisten?
Die Freiheit, tun und lassen zu können, was ich gerade möchte.
Was stört Sie am meisten als Staatsbürger?
Am Sonntag singen alle Politiker das Hohelied der KMU-Wirtschaft und sprechen vollmundig vom Rückgrat unserer Volkswirtschaft. Am Werktag hingegen wird ungebremst legiferiert, reguliert und reglementiert, was das Zeug hält. Die Regulierungskosten in der Schweiz betragen mittlerweile zehn Prozent des Bruttoinlandproduktes.
Kommen Sie manchmal zu spät?
Das ist tatsächlich manchmal eine Untugend, weil ich tendenziell mein Programm mit Terminen zu stark auslaste.
Ihre grösste Tugend?
Das lasse ich lieber offen, sonst tönt es rasch nach Eigenlob.
Ihr grösstes Laster?
Das lasse ich lieber andere beurteilen.
Ihr Lieblingsbuch?
«Götti» von Arthur Honegger – eine bildliche Darstellung des Wahlkampfes rund um einen Sitz im Regierungsrat.
Ihr Lieblingsfilm?
«The Sting» von Roy Hill aus dem Jahr 1973. Robert Redford und Paul Newman spielen eine herrliche Gaunerkomödie mit einer Filmmusik, die ich noch heute mit Begeisterung vor mich hin pfeife.
Was kaufen Sie selber ein – und wo tun Sie dies?
Alles, was ich so brauche zum Leben. Vorausgesetzt, es wird nicht gerade von jemand anderem erledigt.
Welches persönliche Ziel möchten Sie noch erreichen?
Ich habe noch eine ganze Reihe von Reisedestinationen auf der Liste, die ich einmal besuchen möchte.
Zur Person
Hans-Ulrich Bigler, 53, ist seit Mitte 2008 Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV). Zuvor war der Ökonom während elf Jahren Direktor des Unternehmerverbandes der Schweizer Druckindustrie (Viscom). Hier gehörte die Schaffung eines leistungsfähigen Dienstleistungszentrums für die Druckbranche zu seinen Tätigkeitsschwerpunkten. Nach dem Engagement bei Viscom war er zwei Jahre lang Direktor des Unternehmerverbandes der Schweizer Maschinenindustrie (Swissmem). Bigler, in der Armee Generalstabsoberst, wohnt in Affoltern am Albis, ist verheiratet und Vater dreier Kinder. – Der Schweizerische Gewerbeverband vertritt als grösster Dachverband der Schweizer Wirtschaft die Interessen der kleinen und mittleren Unternehmen. Mitglieder des SGV sind die kantonalen Gewerbeverbände, Berufs- und Branchenverbände sowie die Organisationen der Gewerbeförderung – insgesamt 280 Verbände mit gegen 300 000 Unternehmen. Ziel ist die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsfähige KMU-Wirtschaft.
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