17. September 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Detergenzien – die Super-Waschmittel
Errungenschaften der Technik
Lucien F. Trueb
Errungenschaften der Technik
Eine Art Seife kannten schon die Sumerer. Einer ihrer Keilschrifttexte gibt genaue Anleitungen zum Mischen und Aufkochen von Olivenöl mit Holzasche. Dabei entstand das Kaliumsalz der im Öl enthaltenen Fettsäuren, was ungefähr der guten alten Schmierseife entsprach.
Die Ägypter und die keltischen Völker Europas entwickelten ähnliche Rezepturen zum Verseifen von Ölen und Fetten mit Asche, doch diente ihre Seife ausschliesslich der Körperpflege. Erst der im 2. Jahrhundert nach Christus lebende griechisch-römische Arzt Galen berichtete über die generell reinigende Wirkung von Seife. Kleider jedoch wusch man – wenn überhaupt – weiterhin einfach mit Wasser, unter Reiben, Schlagen und Treten. Dann breitete man die Wäsche auf der nächsten Wiese aus, um sie zu trocknen und die bleichende Wirkung des Sonnenlichts zu nutzen.
Seife als Luxus
Die Römer gingen bereits raffinierter vor, denn in jedem Haushalt wurde zum Kleiderwaschen der Urin gesammelt. Man liess ihn gären, wobei aus Harnstoff der stark alkalische Ammoniak entstand. Weil Schweiss und das von der Haut abgesonderte Fett sauer sind, erzielte man eine wesentlich bessere Waschwirkung als mit Wasser allein. Besonders appetitlich war das Waschen mit vergorenem Urin wohl nicht, doch für diese Aufgabe konnte man sich Sklaven halten. – Im Mittelalter wurde das Seifensieden zum geachteten Handwerk, wobei in Zentral- und Nordeuropa tierische Fette (sogenannte Talge), in den Ländern am Mittelmeer Olivenöl als Rohstoff dienten. Doch die in Zünften organisierten Seifensieder stellten weiterhin einen Luxusartikel her. Für das Waschen von Kleidungsstücken war Seife viel zu teuer; sie verbilligte sich erst, als die zu deren Herstellung unentbehrliche Soda grosstechnisch hergestellt werden konnte. Zuerst nach Leblanc, ab 1861 nach dem bis heute unschlagbaren Solvay-Verfahren, bei welchem lediglich Kochsalz, Kohlendioxid und Ammoniak benötigt werden.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts schrubbte man die Wäsche mit Kernseife auf Waschbrettern oder flachen Steinen – unter Einsatz von viel Muskelkraft. Eine erste Erleichterung brachten die «selbsttätigen» Waschmittel, die neben Seifenpulver auch Soda, Wasserglas (Natriumsilicat) und das Bleichmittel Natriumperborat enthielten. Dennoch blieb der Waschtag für die Hausfrau eine Plage.
Ab etwa 1950 setzte sich die Waschmaschine allmählich durch, parallel dazu veränderte sich die Zusammensetzung der Waschmittel. Denn nun konnte man die wasserhärtebedingte Entstehung von Kalkseife nicht mehr dulden. Denn diese setzte sich auf den Textilfasern ab, machte sie brüchig-hart und beschleunigte den Verschleiss. Auch Seifenschaum konnte man nicht mehr tolerieren.
Damit begann die Substitution der klassischen, aus pflanzlichen und tierischen Fetten hergestellten Seife durch synthetische, petrochemische Sulfonatverbindungen, allen voran das sogenannte TPS (Tetrapropylenbenzolsulfonat). Die neuen Waschmittel bezeichnete man in Anlehnung an das Englische als Detergenzien, doch setzte sich das Wort nicht wirklich durch. Dasselbe galt für den wissenschaftlich präziseren Ausdruck «Tenside» zur Bezeichnung der grenzflächenaktiven Stoffe in den Detergenzien. Sie umhüllen Schmutzpartikel, lösen sie von der Faser ab und ermöglichen das Wegspülen.
Umweltschäden
TPS wusch wunderbar, war aber biologisch schwer abbaubar, was zu Sauerstoffarmut in den Gewässern und hässlichen Schaumteppichen führte. Unter dem Druck des Gesetzgebers entwickelte die Industrie gut abbaubare Tenside des Alkylbenzolsulfonat-Typs. Um ihre Wirkung zu potenzieren, gab man den Waschmitteln Phosphate als Wasserenthärter zu. Aber nun wurden die Gewässer überdüngt, und die berüchtigte Eutrophierung führte zur Verseuchung mit abgestorbenen Algen. Abhilfe brachten phosphatfreie Ionenaustauscher des Zeolith-Typs beziehungsweise EDTA in flüssigen Waschmitteln.
Seit dem Ende der 1980er Jahre enthält Waschpulver Enzyme, die Fett, Kohlenhydrate und Eiweiss effizient abbauen. Man extrahierte die hitzeunempfindlichen Enzyme aus Mikroorganismen, die in heissen Quellen leben. Die entsprechenden Gene verpflanzte man in Bakterien, die als Enzym-Fabrikanten dienen.
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