25. September 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Der Mann im Berg und seine Sorgen
Arbeitskraft - Pedro Lenz
Heiss, sehr heiss sei es im Berg. Aber es könne natürlich auch extrem nass sein. Laut sei es praktisch immer. Zuweilen komme der Staub dazu, aber das Schlimmste sei ganz bestimmt die Hitze. Ausserdem sei die Arbeit ausgesprochen gefährlich, nicht nur der Maschinen wegen. Jeder Berg habe seine Launen. Ein Steinschlag oder ein teilweiser Einsturz sei nie völlig auszuschliessen. Das alles erzählte mir ein Tunnelbauer, den ich neulich zu seiner Arbeit befragt habe. Als er dann noch von den Schichtarbeitszeiten berichtete und davon, dass er manchmal neun Stunden lang nichts esse, weil er zu stark fokussiert sei auf seine Arbeit, da schien mir der Augenblick gekommen, ihn zu fragen, warum er denn diese Arbeit gewählt habe. Er sei doch noch jung und kräftig, und mit seiner Vorbildung, seiner Arbeitsmoral und seinen Sprachkenntnissen finde er bestimmt eine etwas weniger zermürbende Tätigkeit.
Er wolle nichts anderes, betonte der Tunnelbauer. Er wundere sich manchmal selbst darüber. Früher habe er im Wald gearbeitet. Das sei wesentlich einfacher gewesen, doch seit er im Tunnelbau sei, komme für ihn keine andere Arbeit mehr in Frage. Ob es vielleicht mit dem verhältnismässig hohen Lohn zusammenhänge, wollte ich wissen. Keineswegs, sagte er. Er habe ja kaum Zeit, das Geld auszugeben. Geld sage ihm überhaupt nichts.
Dann war mir einen Augenblick, als schaue der Tunnelbauer durch mich hindurch, während er eine allgemein verständliche Antwort auf die Frage suchte, warum er ausgerechnet diesen Beruf gewählt hat. Er setzte mehrmals zum Reden an und brach jedes Mal mitten im Satz ab. Dann schüttelte er den Kopf und meinte, es sei wahrscheinlich sinnlos. Einer, der nicht selbst im Berg arbeite, verstehe es ohnehin nicht. Ich insistierte und sagte, es müsse doch eine Erklärung geben, selbst wenn sie vielleicht nicht für alle nachvollziehbar sei.
Lange blieb der Tunnelbauer stumm. Dann zeigte er auf die Menschen am Nebentisch, auf die Fussgänger draussen und schliesslich auf mich. «Ihr alle, die ihr am Morgen in ein Büro, in eine Schule oder in einen Betrieb geht, ihr seid immer an der Oberfläche. Wenn euch etwas bekümmert oder belastet, bleiben Kummer und Last stets in eurer Nähe. Bei mir dagegen ist es anders. Sobald ich in den Berg hineinfahre, ist alles, was ausserhalb des Bergs geschieht, nicht mehr existent.» «Du meinst also, dass du die Sorgen draussen lassen kannst.» «Nein! Du verstehst mich falsch. Die Sorgen sind nicht draussen. Die Sorgen sind weg. Es gibt sie nicht mehr. Der Berg verschluckt sie für immer.» Der Tunnelbauer muss mir meinen Zweifel angesehen haben. Er habe gewusst, dass ich es nicht verstehen würde. «Keiner versteht es, solange er es nicht selber erlebt hat. Es ist nichts Religiöses oder Esoterisches. Es ist einfach eine Tatsache. Der Berg schluckt alle Probleme, die dich draussen bekümmern. Und wenn du nach der Arbeitsschicht heraus kommst, sind sie weg.» – «Wo sind sie hin?» – «Frag besser nicht.»
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