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16. Juli 2011, Neue Zürcher Zeitung

Der Kühlschrank hat den Eismann obsolet gemacht

Errungenschaften der Technik

Retro-Look der 1950er Jahre: moderner Standkühlschrank. (Bild: pd / sebastian hänel)Zoom

Retro-Look der 1950er Jahre: moderner Standkühlschrank. (Bild: pd / sebastian hänel)

Robin Schwarzenbach

Im Dialekt gibt es den Begriff noch heute. Milchprodukte, Früchte, Gemüse, Fleischwaren, Eier und erfrischende Getränke werden hierzulande weiterhin im «Eisschrank» gelagert. Das Wort verweist auf jene Zeiten gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als Lebensmittel in Privathaushalten mit Eis gekühlt und somit länger haltbar gemacht wurden. Die gefrorenen Brocken fanden in einem Kasten Platz, der über dem Stauraum für die Frischwaren angebracht war. Das hatte den Vorteil, dass die Temperatur der aufsteigenden Luft im Innern wirkungsvoll gesenkt werden konnte. Allein, dieser angenehme Effekt war vergänglich; das Eis schmolz unweigerlich dahin.

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Florierender Eishandel

Bis zur Erfindung des elektrischen Kühlschranks war diese Art der Frischhaltung in gutsituierten Kreisen weit verbreitet. Ebenso florierte der Handel mit Natureis, das im Winter geerntet und in riesigen Lagerhallen untergebracht wurde. Auch an Gletscherzungen bediente man sich. In Europa wurde Eis sogar importiert, dies vor allem aus Norwegen und Schweden.

In den USA war der Eishandel ebenfalls ein gutes Geschäft, trotz den absehbaren Verlusten, die die Ladung unterwegs erlitt. 1872 hatte das amerikanische Handelsvolumen seinen Höhepunkt erreicht; es betrug 225 000 Tonnen. Verschifft wurde das Kühlmaterial vor allem in die Südstaaten, in die Karibik, ja sogar bis nach Indien. Wichtigste Abnehmer waren zunächst Schlachthöfe, Brauereien, Lebensmittelgeschäfte, Spitäler und die Gastronomie. Dann, als sich immer mehr Familien einen Eisschrank zulegten, zogen die Eismänner mit ihrer tropfenden Ware auch von Haus zu Haus.

Mit der Zeit stellte sich die Frage, ob es nicht einfacher gehe – zumal Preise, Qualität und Lieferzeiten von Natureis zum Teil sehr unbeständig waren. Solche Überlegungen galten zuerst der Raumtemperatur. Der amerikanische Arzt John Gorrie stützte sich auf das Prinzip, wonach einer Umgebung Wärme entzogen werden kann, wenn sich ein zuvor komprimiertes Kältemittel unter nachlassendem Druck wieder ausdehnt. 1845 entwarf Gorrie ein Gerät, das über einen Kompressor und einen Verdampfer verfügte und so eine spürbare Senkung der Temperatur in einem Gebäude bewirken sollte. Sechs Jahre später erhielt die Kaltluftmaschine ein Patent. Auf dem Markt konnte sie sich jedoch nicht durchsetzen.

Mit oder ohne Kompressor?

Erfolgreicher war eine Konstruktion des Franzosen Ferdinand Carré. Carré stellte um 1860 eine Kältemaschine vor, die nicht mit einem mechanischen Kompressor, sondern einzig mit einem Wasser-Ammoniak-Gemisch funktionierte. Ammoniak siedet leicht und nimmt dabei viel Wärme aus der Umwelt auf – als Kältemittel schien die ätzende Stickstoff-Wasserstoff-Verbindung daher besonders geeignet. Carrés Maschinen machten sich beidseits des Atlantiks einen Namen. Neben kalter Luft waren sie auch in der Lage, Eis zu produzieren.

Der entscheidende Schritt zum Kühlschrank war damit freilich noch nicht getan. Auch der deutsche Ingenieur Carl Linde, der einst am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich Maschinenwesen studiert hatte, dürfte kaum an ein Gerät für den Haushalt gedacht haben, als er sich in den 1870er Jahren mit Kältetechnik zu befassen begann. Anders als Carré setzte Linde auf Kompressionsmaschinen, da er von deren höherem Wirkungsgrad überzeugt war. Linde hatte den Anspruch, ein zuverlässiges Industrieprodukt zu schaffen. Mit diesem Denken leistete der Gründer der Linde-Gruppe der aufkommenden Kühlgeräteindustrie wegweisende Dienste. Linde war es auch, der Kompressionsanlagen mit einer verbesserten Mechanik realisierte.

Serienproduktion in den USA

Der elektrische Kühlschrank für zu Hause indes sollte sich zuerst in den USA durchsetzen. Noch vor dem Ersten Weltkrieg versuchten sich mehrere Kleinstbetriebe an einem Gerät für die private Küche. Dann interessierten sich auch grosse Konzerne für den Kühlschrank. 1926 begann General Electric mit der Fliessbandfertigung des ersten Exemplars, das erfolgreich in Massen hergestellt und zu einem erschwinglichen Preis verkauft werden konnte. In den ersten fünf Jahren wurden eine Million Stück produziert. In Europa etablierten sich vergleichbare Serienfertigungen erst in den 1950er Jahren.


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