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14. Mai 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive

Der Eichmeister kommt – oder das Mass aller Dinge

Berufswelt der Technik

Eine Waage der Firma Zwicky im Thurgau wird geeicht. (Bild: Christian Beutler / NZZ)Zoom

Eine Waage der Firma Zwicky im Thurgau wird geeicht. (Bild: Christian Beutler / NZZ)

Claudia Wirz

Ein Kilogramm Mehl ist schnell gekauft, ein Viertelliter Halbrahm und ein «Mödeli» Butter ebenso. Die fünf Äpfel sind auf der Waage in der Obstabteilung rasch abgewogen. Nun noch Zimt und Zucker nicht vergessen, und schon steht dem selbstgemachten Apfelkuchen fast nichts mehr im Weg. Der Einkaufsvorgang erscheint so profan, dass kaum jemand einen Gedanken daran verschwendet, was es alles braucht, bis ein Produkt im Einkaufskorb landet. Vom apfelpflückenden Landwirt mag der eine oder andere eine vage Vorstellung haben, aber wer denkt zum Beispiel darüber nach, was überhaupt ein Kilogramm ist und was es braucht, damit es beim sprichwörtlichen Abwägen mit rechten Dingen zugeht?

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Bundesamt für Metrologie

Wenn es ums Messen im Sinne des Handels und des Konsumentenschutzes geht, ist der Eichmeister das Mass aller Dinge. Er prüft und sorgt dafür, dass die Waagen beim Detailhändler oder in der Produktion geeicht sind, dass die Angaben auf den Verpackungen stimmen und dass an der Tankstelle der Zähler an der Zapfsäule auch tatsächlich richtig zählt, um nur einige Arbeitsgebiete des Eichmeisters zu nennen. Die Eichmeister sind dem Bundesamt für Metrologie unterstellt und arbeiten im Auftrag der Kantone. Rund 50 Eichmeister gibt es insgesamt in der Schweiz, alle haben einen technischen Berufshintergrund. In manchen Kantonen sind sie selbständig erwerbend, in manchen vom Kanton angestellt wie zum Beispiel im Kanton Thurgau. – Dort ist heute die Firma Zwicky in Müllheim-Wigoltingen an der Reihe, ein traditionsreiches Familienunternehmen der Nahrungsmittelindustrie. Gleich 20 Waagen hat Eichmeister Uwe Kurle, ein gelernter Maschineningenieur, hier amtlich zu begutachten. Kleine und grosse, digitale und mechanische. Einmal pro Jahr kommt er vorbei – mit schwerem Gerät. Zwar stehen heute erst die kleineren Messungen auf dem Arbeitsplan, aber insgesamt rund 180 Kilogramm amtliche Gewichte und andere Messgeräte gehören zur Arbeitsausstattung. Ohne Zuhilfenahme eines Palettenrollers geht das natürlich nicht, schliesslich sind die Waagen auf dem ganzen Werkgelände verteilt stationiert.

Die erste zu prüfende Waage ist eine digitale, ein Schweizer Produkt. Zuerst kommt die Wasserwaage des Eichmeisters zum Einsatz, denn eine schiefstehende Waage misst nicht richtig, wie eigentlich alle wissen sollten, die einmal in den Genuss des Physikunterrichts gekommen sind. Dann stellt Kurle die Gewichte auf die Waage. Er beginnt mit 5 Gramm und steigert dann die Masse schrittweise bis auf die Maximalbelastung von 12 Kilogramm. Wenn der Maximalwert überschritten wird, muss sich die Waage von selbst ausschalten. Wie Schachfiguren stehen die verschiedenen Gewichte nun in der Waagschale, die weniger eine Schale denn eine ebene, rechteckige Fläche ist. Nun werden die Gewichte abwechselnd an allen vier Ecken zentriert gruppiert, um die Waage auf allfällige Ungleichheiten zu prüfen.

Die amtliche Prüfung besteht die Waage ohne Tadel. Keine Überraschung, meint der Eichmeister, denn die Firma Zwicky hat freiwillig ein ausgeklügeltes System der Qualitätssicherung etabliert, das auch den Unterhalt der Waagen einbezieht. Die Waage erhält nun eine Eichmarke, die bis zur nächsten Kontrolle gültig ist. Eine amtliche Plombe verhindert, dass sich jemand unbefugt am Gerät zu schaffen macht. Die Plomben brechen darf neben dem Eichmeister allenfalls ein Servicetechniker, der diesen Eingriff allerdings der Behörde melden muss.

3000 Waagen allein im Thurgau

Die Waage also misst genau, aber entsprechen die Gewichtsangaben auf den Verpackungen tatsächlich den realen Füllmengen? Die Überprüfung solcher Gewichts- oder Volumendeklarationen gehört ebenfalls in den Aufgabenbereich von Eichmeister Kurle. Dazu nimmt er am Fliessband Stichproben von Hartweizengriess in Beuteln zu 500 Gramm. Wie er vorgehen muss, ist bis ins kleinste Detail in einer technischen Bundesverordnung festgelegt. Auch hier besteht die Firma Zwicky die Prüfung mit Bravour. Für ein Jahr ist also alles in Butter bei Zwicky. Eichmeister Kurle geht die Arbeit freilich nicht aus. Allein im Kanton Thurgau, für den er zusammen mit einem weiteren Kollegen zuständig ist, stehen nicht weniger als rund 7000 Messmittel aller Arten, davon etwa 3000 Waagen.


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