28. Mai 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Checkpoint Bagdad
Arbeiten im Irak
Inga Rogg, Korrespondentin der NZZ im Irak
Mit sechzig Jahren ist Um Ahmed eigentlich zu alt, um zu arbeiten. Aber ihr Mann ist schon lange tot, und vor vier Jahren kam ihr Sohn im Krieg zwischen den Schiiten und Sunniten ums Leben. Da im Irak nur Staatsbedienstete einen Pensionsanspruch haben, verlor sie damit auch ihren einzigen Lebensunterhalt. Und schlimmer noch: Ausser sich selber musste sie plötzlich auch noch vier Kleinkinder durchbringen. «Der Vater zwang meine Schwiegertochter, einen reichen Mann zu heiraten und die Kinder zurückzulassen», sagt Um Ahmed. Eine Zeitlang fand die «Mutter von Ahmed», wie sie sich der Tradition entsprechend nennt, Unterschlupf bei Verwandten und lebte von Almosen. Irgendwann ging auch das nicht mehr.
Vor gut einem Jahr hatte Um Ahmed dann eine Geschäftsidee. Auf dem Secondhand-Markt kaufte sie eine Tüte billiger Plüschtiere und machte einen Stand auf. Als Standort wählte sie einen Checkpoint – eine gefährliche, aus der Perspektive ihres Kleinunternehmens aber durchaus geschickte Wahl. Der Checkpoint liegt unterhalb einer Brücke an einem zentralen Verkehrsknotenpunkt von Bagdad. Wer vom Süden in den Westen der Hauptstadt oder in die sogenannte grüne Zone will, muss hier vorbei.
Für Kundschaft ist angesichts der vielen Verkehrsstaus vor dem Checkpoint also gesorgt. Tatsächlich ist es Um Ahmed gelungen, ihr kleines Business auszubauen. Die von vielen Kinderhänden abgegriffenen Plüschtiere sind mittlerweile Puppen aus neuester chinesischer Produktion gewichen. Auf einer kniehohen Beton-Barrikade hat Um Ahmed die Puppen fein säuberlich ausgestellt – bunte Tupfen zwischen dem grauen, abgebröckelten Beton, Staub und Stacheldraht. Daneben hat sie sich einen kleinen Unterstand mit Plasticplane gebaut, auf dem sie in ihrem schwarzen Umhang bei Wind und Wetter auf einem wackligen Stuhl sitzt.
Die Puppen kauft Um Ahmed zu einem Stückpreis zwischen 9000 und 11 000 Dinar auf dem Grossmarkt. Ihr Preis liege zwischen 14 000 und 15 000 Dinar, sagt die alte Frau. «Am Tag verdiene ich zwischen 14 000 und 15 000 Dinar. An guten Tage auch mehr.» Die Hälfte davon geht an eine alte Freundin, bei der sie mit ihren Enkelkindern wohnt. Am Ende bleiben ihr umgerechnet zwischen sechs und neun Dollar. Ein armseliger Lohn für ein Leben in der ständigen Gefahrenzone.
Vom Checkpoint führt die Strasse zu einem Compound von Ministern und Abgeordneten und in die grüne Zone, in der sich die Regierung, die Uno und ausländische Vertretungen verbarrikadiert haben. Kürzlich explodierte an der Strecke eine Autobombe. «Nur Gott kann mich schützen», sagt Um Ahmed. Mit einem kurzen Lacher vertreibt sie die Angst: «Immerhin bin ich keine junge Frau mehr, so dass ich mich nicht vor Entführungen fürchten muss.»
Die vielen Kriege haben Hunderttausende Frauen wie Um Ahmed zu Witwen gemacht. Politiker führen ihr Schicksal gerne ins Feld, um wortreich das Elend im Irak zu beklagen. «Sie fahren hier mit ihren riesigen Autos und verdunkelten Scheiben vorbei», sagt Um Ahmed. «Angehalten und etwas gekauft hat bisher keiner. Sie kümmern sich nur um sich selbst.»
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