14. Mai 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Bringt hoher Bonus hohe Leistungen?
Buch des Monats
Führen hohe Leistungsanreize immer auch zu hoher Leistung? Steht hinter einem exorbitanten Bonus deshalb immer auch eine exorbitante Performance? Und wenn dem nicht so ist, wie könnte man dann fette Bonuszahlungen psychologisch erklären? In seinem Bestseller «Denken hilft zwar, nützt aber nichts» beschrieb der Verhaltensökonom Dan Ariely Denkfallen, die dazu führen, dass gescheite Menschen dumme Entscheide treffen. Im vorliegenden Folgebuch präsentiert er Erkenntnisse aus der Welt der Arbeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Menschen handeln nicht immer rational, sie sind unvernünftig, sie lassen sich von Emotionen und Rachegefühlen leiten, sie halten ihre eigenen Ideen für die besseren, und sie tun das, was sie schon immer getan haben. Auto- und Strassenbauer wissen, dass Menschen fehlbar sind. Deshalb gibt es Sicherheitsgurten, Antiblockiersysteme, Airbags und Sicherheitsstreifen mit kleinen Höckern, die zu einem Surren führen, wenn man sie überfährt. Und wie ist das bei der Arbeit in Betrieben und bei zwischenmenschlichen Beziehungen?
Mit verschiedenen Experimenten wird dargestellt, wie Menschen bei zu hohen Gratifikationen geringere Leistungen erbringen, weil sie ihre persönlichen Ressourcen nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren, sondern darauf, mit dem Stress umzugehen, der sich aus dem Risiko des Verlustes der möglichen Gratifikation ergibt. Motivation durch Geld ist zweischneidig. Andere Experimente zeigen die Bedeutung alternativer Anreize für die Arbeit, zum Beispiel Sinn und Anerkennung. Experimentalgruppen, deren Leistungsergebnisse ignoriert wurden, produzierten einen Drittel weniger als Gruppen, deren Leistungen eine Anerkennung erfuhren. Ähnliches zeigte sich bezüglich Sinn: Gruppen, die das Gefühl hatten, eine sinnvolle Arbeit zu erbringen, leisteten bei gleicher Bezahlung einen Drittel mehr als die sogenannten «Sisyphos»-Gruppe. Es ist einfach, der Arbeit den Motivationsschub zu nehmen: Man nehme ihr den Sinn und die Anerkennung.
Dan Ariely ist für seine verhaltensökonomischen Experimente berühmt. Bezogen auf die Arbeitsmotivation erbringt er die verhaltensökonomisch-experimentelle Evidenz für das, was die Organisationspsychologie intrinsische Motivation nennt, und für das, was in der Führungspsychologie mit Sinnorientierung bezeichnet wird. Auch wenn deswegen die Erkenntnisse dieser Experimente nicht neu sind, so hat das Buch von Ariely doch in doppelter Hinsicht eine Vorbildfunktion. Für Praktiker ist es eine einladende Vorlage zu mehr evidenzbasiertem Denken, und für Forscher ist es ein Muster, wie vergnüglich und unterhaltsam man Forschungsergebnisse in ein Buch packen kann, das sich selbst zu fortgeschrittener Stunde genüsslich liest.
Bruno Staffelbach, Inhaber Lehrstuhl HR Management Universität Zürich
Dan Ariely: Fühlen nützt nichts, hilft aber: Warum wir uns immer wieder unvernünftig verhalten. Droemer, 2010. ISBN 978-3-426-27551-1, 367 S., Fr. 33.90.
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/nachrichten/startseite/buch_des_monats_dan_ariely_fuehlen_nuetzt_nichts_hilft_aber_1.10571408.html







Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.