27. Februar 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Storytelling
Begriffe aus dem HRM - Wortgut
Urs Wenger, Lehrstuhl HR-Management, Universität Zürich
«Es war einmal vor langer Zeit in einem fernen Land . . .»: Menschen lieben Geschichten. Eine spannende Erzählung, anregend vorgetragen, begeistert nicht nur kleine Kinder. Auch viele Unternehmen haben das Geschichtenerzählen für sich entdeckt. Beim sogenannten «Storytelling» handelt es sich um eine Methode, komplexe Sachverhalte zu erfassen und ansprechend vorzustellen. Mit lebendigen Erzählungen lassen sich wichtige Botschaften oft besser vermitteln als mit Tortendiagrammen und Zahlenreihen.
Systematische Erfassung
Eine grosse Herausforderung ist die korrekte Auswahl des auf diese Weise zu vermittelnden Stoffes. Dinge, die man einfach aufschreiben und ausdrucken kann, wie eine Kundendatei oder ein Prozess-Handbuch, bezeichnet man auch als explizites Wissen. Dieses eignet sich eher schlecht für die vorliegende Methode. Es kann einfacher transportiert werden, zum Beispiel durch E-Mail-Versand. Anders sieht es beim impliziten Wissen aus. Dabei handelt es sich zum Beispiel um persönliche Erfahrungen der Mitarbeiter oder um Aspekte der Firmenkultur. Wie hat die Belegschaft eine umstrittene Restrukturierungsmassnahme erlebt? Wie geht man mit zwischenmenschlichen Problemen im Team um?
Eine gute Geschichte braucht Vorbereitung. Der erste Schritt ist oft eine systematische Erfassung, Auswertung und Aufbereitung des Stoffes. Dieser Vorgang kann bewusst als Instrument der Wissenssicherung verstanden werden. Ein Team von geschulten Mitarbeitenden kann den Sachverhalt von einem möglichst breiten Teil der Betroffenen erheben. Als Methode können hier strukturierte Interviews, Erfahrungsberichte der Angestellten oder andere Techniken verwendet werden. Auf der Basis dieses Materials wird dann die Geschichte geschrieben.
Das ist nicht ganz leicht. Zunächst müssen die entscheidenden Aussagen, Probleme und Ideen analytisch erkannt und strukturiert herausgeschält werden. Dabei werden die handelnden Personen in der Regel anonymisiert und so weit als möglich abstrahiert. Es geht nicht darum, Herrn Meier oder Frau Müller an den Pranger zu stellen oder zu loben, sondern Archetypen mit hohem Wiedererkennungswert zu schaffen. Das kann der unterforderte Angestellte, der übermotivierte Linienvorgesetzte oder der unklar kommunizierende Projektleiter sein.
Viel Fingerspitzengefühl nötig
Der Autor sollte über das Talent verfügen, die Botschaften ansprechend zu verpacken. Die Abwägung zwischen gebotener Sachlichkeit und einer spannenden Erzählweise ist dabei eine Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Die Bandbreite der möglichen Sujets ist beinahe unendlich: «Wie die Entwicklungsabteilung den Umzug an den neuen Standort erlebte» oder «Der Tag, an dem Peter kündigte» sind nur zwei Beispiele.
Die so erschaffene Geschichte kann anlässlich eines Workshops oder eines Mitarbeiteranlasses vorgetragen werden. Auch der Vortrag benötigt ein gewisses Talent und etwas Mut. Das Ergebnis kann eine Verarbeitung von Problemen, die Internalisierung von Lösungen oder der gelungene Abschluss einer schwierigen Phase sein.
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