29. Oktober 2011, Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive
Verstand, Kapital, Herzblut – und viel Geduld
Arbeitswelt: Kunsthandel
Beat Grossrieder
Seit letzte Woche das Kunsthaus Zürich die jüngste Schau «Miró, Monet, Matisse. The Nahmad Collection» eröffnet hat, überbieten sich die Kritiker gegenseitig mit Superlativen. Doch nicht nur wegen ihrer künstlerischen Bedeutung ist die Ausstellung herausragend; sie gewährt auch Einblick in die sonst eher abgeschirmte Welt der Kunstsammler und -händler.
Die Familie Nahmad, eine Bankiers-Dynastie aus Syrien, die in den Westen emigrierte, besitzt eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen berühmter Meister der klassischen Moderne. Geschätzte 5000 Kunstwerke mit einem Wert von mehreren Milliarden Franken lagert die Familie zum grossen Teil in einem Zollfreilager in Genf. Allein von Picasso gibt es rund 300 Arbeiten – «die wohl grösste private Sammlung nach jener im Besitz der Familie des Künstlers», kommentiert die «Sonntags-Zeitung». Um eine derartige Kollektion aufzubauen, braucht es neben dem nötigen Startkapital vor allem viel Fachwissen, ein gutes Netzwerk, Begeisterung für die Sache – und die Geduld, den richtigen Zeitpunkt für An- und Verkäufe abzuwarten.
Begonnen hat die Erfolgsgeschichte der Nahmads vor über fünfzig Jahren in Mailand, wo die Familie eine Kunsthandlung gründete, die heute weltweit zu den bedeutendsten gehört. Inzwischen sind Nahmads in der zweiten Generation tätig, seit vierzig Jahren ist die Galerie regelmässig an der Art Basel vertreten, der wichtigsten Kunstmesse der Welt. Die Nahmads sind in den USA und in Europa ebenso tätig wie auf den neuen Märkten in Russland, China, Indien. Seit Jahrzehnten wirkt der Familienclan an den grossen Auktionen in Paris, London, New York mit; gelegentlich sitzen bis zu sechs Nahmads (Brüder und Cousins) im Saal und überbieten die Konkurrenz gegenseitig. Vom schnellen Geschäft mit der modernen Kunst will David Nahmad, einer der drei Nahmad-Brüder, jedoch nichts wissen. Die hochpreisige Gegenwartskunst eines Jeff Koons oder Damien Hirst interessiere ihn weniger, sagt der 64-Jährige gegenüber dem Magazin «Tachles», er bevorzuge die klassische Moderne. Und bevor er ein erstandenes Werk wieder auf den Markt bringe, lasse er es im Sinne einer Langzeitinvestition während Jahren oder Jahrzehnten im Lager an Wert zulegen.
Dazu nur ein Beispiel: Für Toulouse-Lautrecs Frauenbildnis «La toilette» bezahlten die Nahmads vor zwanzig Jahren 3,5 Millionen Dollar, heute ist das Gemälde das Zehnfache wert. Gerade mit der umfangreichen Picasso-Sammlung besitzt die Familie Schätze, die an Wert noch enorm zulegen können. Das derzeit wohl teuerste Bild der Welt stammt denn auch vom spanischen Meister: Im Mai 2010 ging «Nu au plateau de sculpteur» für den Rekordpreis von 106,5 Millionen Dollar an eine neue Besitzerschaft.
Nach einer Baisse boomt der internationale Kunstmarkt seit letztem Jahr wieder. Die weltweit grösste Kunst- und Antiquitätenmesse, Tefaf Maastricht, schreibt in einer Studie: «Mit einem Umsatz von 43 Milliarden Euro hat der globale Kunstmarkt 2010 um 52 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt.» Auch der Mei-Moses-All-Art-Index (siehe Grafik) weist starke Wachstumsraten aus, die sogar die Raten des Standard-&-Poor's-500-Total-Return-Index (S&P 500 TR) übersteigen, der die Entwicklung der 500 grössten börsennotierten US-Unternehmen berücksichtigt. «Der globale Markt für zeitgenössische Kunst hat sich von dem Einbruch im Jahr 2009, als die Verkäufe um 66 Prozent zurückgingen, erholt», bilanziert die Tefaf-Studie.
Steuervorteile in der Schweiz
Auch in der Schweiz hat der Kunsthandel einen fruchtbaren Boden. Die Schweiz hat die weltweit höchste Dichte an Museen pro Kopf der Bevölkerung, auch die Dichte an Kunstsammlerinnen und -sammlern ist beträchtlich. Ebenfalls stark vertreten sind Stiftungen und gemeinnützige Organisationen, die sich im Kunstmarkt engagieren. Hinzu kommen eine bedeutende Künstlerszene inklusive der nötigen Ausbildungsangebote an den Hochschulen sowie eine lange Tradition im Erschaffen und Vermarkten von Kunst. Daneben fallen steuerrechtliche Aspekte ins Gewicht: In der Schweiz kann ein Warenlager für unbegrenzte Zeit abgeschrieben werden (Zollfreilager), während dies in Deutschland beispielsweise nur für eine bestimmte Zeit möglich ist. Und hierzulande sind die Steuern (Mehrwertsteuer) und Abgaben vergleichsweise niedrig.
Weniger Beschäftigte
Konkrete Zahlen zur heimischen Kunstbranche liefert der Bericht «Kulturwirtschaft Schweiz» (2008), den das Departement Kulturanalysen und -vermittlung der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) erstellt hat. Darin heisst es: «Der schweizerische Kunsthandel ist ein international orientierter Markt. Die stark wachsenden internationalen Umsatzvolumina werden zum Teil von singulären Unternehmen erzielt. Der Kunstmarkt agiert immer schneller; eine Entwicklung, die auch durch die Informationsbeschaffung über das Internet möglich wird.» Im Klartext: Wer heute Erfolg haben will, muss eine gewisse Grösse aufweisen und sich gut vernetzen und rasch informieren können. Einige wenige Grosshändler erzielen wachsende Umsätze, die vielen Kleingalerien aber kauen zunehmend hartes Brot. Die Anzahl der Unternehmen und Selbständigerwerbenden im Kunstmarkt erreichte 2005 einen Gesamtbestand von 1129 (ohne Kunsthandwerk), allein im Bereich «Kunsthandel» (Galerien und Kunsthändler) sind es 422 Unternehmen. Damit stieg die Zahl der Galerien und Kunsthändler von 405 im Jahr 2004 auf 422 im Jahr 2005, ein Plus von 4,2 Prozent.
Düsterer sieht es bei den Beschäftigtenzahlen aus: Trotz den guten Gesamtumsätzen kam es insgesamt zu einem starken Abbau. Zählte der Verband Schweizer Galerien (Art Galleries Switzerland) 2001 noch 541 mehrwertsteuerpflichtige Galerien mit über 1250 Beschäftigten, sank diese Zahl bis 2008 auf 490 (minus 9,4 Prozent), die Zahl der Beschäftigten ging auf 1118 (minus 10,6 Prozent) zurück. Fazit der ZHdK: «Diese Entwicklung ist ein Hinweis darauf, dass das Kunsthandelssegment nicht in seiner ganzen Breite gute wirtschaftliche Geschäfte erzielen konnte, sondern dass diese sich eher auf einige wenige grosse und internationale Unternehmen konzentriert haben dürften.» Tatsächlich weist der Kunstmarkt eine kleinteilige Struktur auf: «Insgesamt zählen 99 Prozent der Arbeitsstätten im Kunstmarkt zu den Kleinstunternehmen», hat die ZHdK errechnet. Über 80 Prozent der Galerien beschäftigen nur ein bis zwei Personen – im Vergleich dazu sind es in der gesamten Kreativwirtschaft nur 58 Prozent.
Trotzdem geht es der Branche insgesamt gut: Mit knapp 17 Prozent Umsatzzuwachs gegenüber 2004 und mit 12,2 Prozent Zuwachs gegenüber 2001 zähle der Kunstmarkt «zu den erfolgreichsten Märkten in der Kreativwirtschaft», folgert die ZHdK. «Der Löwenanteil der Umsätze der Kunsthändler» entfalle aber auf den wachsenden Anteil des Exports von Kunstgegenständen; dieser erreichte 2005 bereits einen Wert von 560 Millionen Franken.
Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von NZZ Online ist nicht gestattet.
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://news.nzzexecutive.ch/nachrichten/startseite/arbeitswelt_kunsthandel_1.13152369.html







Wenn Sie diesen Artikel kommentieren möchten, melden Sie sich bitte mit Ihrem MyNZZ-Benutzernamen an. Diese Funktion ist an Wochenenden und Feiertagen gesperrt.